Die Genossenschaft Migros Zürich hat einen strategischen Kurswechsel bekannt gegeben und wird sich bis 2026 vollständig aus dem deutschen Markt zurückziehen. Herzstück dieses Rückzugs ist der Verkauf der Supermarktkette Tegut, ein Schritt, der nach jahrelangen finanziellen Verlusten erfolgt. Die Entscheidung betrifft über 7.400 Mitarbeitende in Deutschland.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Genossenschaft Migros Zürich verkauft ihre deutsche Supermarktkette Tegut.
- Der Gesamtaufwand für das Deutschland-Engagement beläuft sich auf 570 Millionen Franken.
- Der deutsche Detailhändler Edeka übernimmt einen wesentlichen Teil der Tegut-Gruppe.
- Über 7.400 Mitarbeitende an rund 340 Standorten sind von der Übernahme betroffen.
- Als Grund wird der hohe Konkurrenzdruck im deutschen Lebensmittelhandel genannt.
Ein teures Ende nach zwölf Jahren
Die Genossenschaft Migros Zürich beendet ihr Expansionsabenteuer in Deutschland. Patrik Pörtig, Geschäftsleiter der Migros Zürich, bestätigte den Verkauf der gesamten Tegut-Gruppe, zu der neben der gleichnamigen Bio-Supermarktkette auch die Herzberger-Grossbäckerei und die Logistiksparte gehören. Die Entscheidung sei nach einer umfassenden Analyse der wirtschaftlichen Lage gefallen.
«Die Situation für Tegut hat sich trotz Sanierungserfolgen in den letzten Monaten zugespitzt», erklärte Pörtig. Die Migros Zürich hatte bis Ende 2026 schwarze Zahlen gefordert, ein Ziel, das offensichtlich nicht mehr erreichbar schien. Die Konsequenz ist ein kompletter Rückzug aus dem deutschen Markt.
Harter Wettbewerb in Deutschland
Der deutsche Lebensmittelmarkt gilt als einer der umkämpftesten in Europa. Grosse Discounter wie Aldi und Lidl üben einen enormen Preisdruck aus, während Vollsortimenter wie Edeka und Rewe den Markt dominieren. Für einen mittelständischen, regionalen Anbieter wie Tegut wurde es zunehmend schwierig, sich in diesem Umfeld zu behaupten.
Pörtig beschrieb die Wettbewerber als «extrem aggressiv». Er führte aus, dass Tegut als regionaler Akteur zwischen den grossen Discountern und den etablierten Detailhändlern nicht die notwendige Grösse hatte, um langfristig profitabel zu wirtschaften.
«Wir haben die Situation umfassend analysiert und sind nun aber zum Schluss gekommen, dass Tegut langfristig wirtschaftlich nicht zukunftsfähig ist. Darum haben wir den kompletten Rückzug aus Deutschland beschlossen.» – Patrik Pörtig, Geschäftsleiter Migros Zürich
Die finanziellen Folgen des Rückzugs
Das Engagement in Deutschland hat die grösste Migros-Genossenschaft teuer zu stehen gekommen. Über die Jahre summierten sich die Verluste auf einen erheblichen Betrag. Die Genossenschaft musste allein in den Jahren 2019, 2024 und 2025 Darlehen und Beteiligungen im Wert von insgesamt 512 Millionen Franken abschreiben.
Trotz eingeleiteter Sanierungsmassnahmen belief sich der operative Verlust von Tegut im Jahr 2025 immer noch auf 26 Millionen Franken, nach 55 Millionen im Vorjahr. Der Gesamtaufwand, den die Migros Zürich für das Kapitel Tegut verbuchen muss, wird auf rund 570 Millionen Franken beziffert. Dieser Betrag beinhaltet den ursprünglichen Kaufpreis sowie alle aufgelaufenen Verluste und Abschreibungen seit der Übernahme.
Verlust in Zahlen
Der Rückzug aus Deutschland kostet die Migros Zürich insgesamt rund 570 Millionen Franken (umgerechnet ca. 600 Millionen Euro). Dieser Betrag umfasst alle Verluste und Abschreibungen seit dem Einstieg im Jahr 2012.
Pörtig betonte, dass der Gesamtverlust diesen Betrag nicht übersteigen werde. Eine komplette Schliessung von Tegut ohne einen Käufer hätte laut Brancheninsidern noch deutlich höhere Kosten verursacht, möglicherweise bis zu einer Milliarde Franken.
Die Geschichte einer gescheiterten Expansion
Die Migros Zürich stieg Ende 2012 unter der Führung des damaligen Geschäftsleiters Jörg Blunschi bei Tegut ein. Schon damals war der deutsche Lebensmittelmarkt hart umkämpft. Blunschi zeigte sich damals jedoch optimistisch und erklärte, er sei überzeugt, dass beide Unternehmen gestärkt aus dem Deal hervorgehen würden.
Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Das Deutschland-Abenteuer entwickelte sich zu einem finanziellen Fiasko. Jörg Blunschi, der die Expansion massgeblich vorangetrieben hatte, verliess die Migros Zürich später und wurde Präsident der Verwaltung der Migros Aare. Dieses Amt legte er im März 2025 abrupt nieder, was Migros Aare mit den «inakzeptablen persönlichen Angriffen» im Zusammenhang mit seiner früheren Tätigkeit bei der Migros Zürich begründete.
Zukunft der Tegut-Filialen und Mitarbeitenden
Für die über 7.400 Mitarbeitenden in den 340 Filialen sowie in der Zentrale und Logistik im hessischen Fulda beginnt nun eine Zeit der Unsicherheit. Sie wurden Berichten zufolge nur 15 Minuten vor der offiziellen Medienmitteilung über den Verkauf informiert.
Ein grosser Teil der Tegut-Gruppe wird vom deutschen Detailhandelsriesen Edeka übernommen. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Gleichzeitig führt die Migros Zürich Gespräche mit weiteren Interessenten, um eine Zukunft für möglichst alle Standorte zu sichern.
- Betroffene Mitarbeitende: Über 7.400
- Anzahl der Filialen: Rund 340
- Hauptkäufer: Edeka-Gruppe
- Nächster Schritt: Prüfung durch das Bundeskartellamt
«Wir sind zuversichtlich, den allergrössten Teil der Filialen an den Markt bringen zu können», so Pörtig. Mit der Übernahme durch Edeka dürfte die Marke Tegut jedoch langfristig vom Markt verschwinden. Bevor die Transaktion abgeschlossen werden kann, muss das deutsche Bundeskartellamt die wettbewerbsrechtlichen Aspekte prüfen. Wann der Rückzug aus Deutschland vollständig vollzogen ist, hängt von diesem Genehmigungsverfahren ab. Die Migros Zürich wird sich künftig wieder auf ihr Kerngeschäft in der Schweiz konzentrieren.





