Winzige Höhlenflohkrebse, die in den Tiefen der Schweizer Unterwelt leben, sind zu wichtigen Helfern bei der Überwachung unserer Trinkwasserqualität geworden. Diese unscheinbaren Kreaturen, die oft nur wenige Millimeter messen, geben Forschenden wertvolle Hinweise auf den Zustand unserer Wasserressourcen. Ihre jüngste Wahl zum «Höhlentier des Jahres 2026» rückt sie nun in den Fokus der Öffentlichkeit.
Wichtige Erkenntnisse
- Höhlenflohkrebse sind entscheidend für die natürliche Reinigung des Trinkwassers.
- Der Niphargus luchoffmanni, einst als selten betrachtet, ist heute eine der häufigsten Arten in der Schweiz.
- Forschende der Eawag entwickeln ein biologisches Monitoring, das chemische Kontrollen ergänzt.
- Die Zusammenarbeit mit Brunnenmeistern hat die Entdeckung vieler neuer Arten ermöglicht.
Unbekannte Welt unter unseren Füssen
Die Welt unter der Erdoberfläche bleibt weitgehend unerforscht. Selbst in einem Land wie der Schweiz, das für seine präzise Wissenschaft bekannt ist, gibt es noch viel zu entdecken. Ein Paradebeispiel dafür ist der Höhlenflohkrebs Niphargus luchoffmanni. Dieser kleine Krebs, etwa 9 Millimeter lang, wurde erst 2014 entdeckt und wissenschaftlich beschrieben. Zunächst dachte man, er sei nur lokal um den Hohgant und in der Zentralschweiz verbreitet.
Doch die Realität sieht anders aus. Mittlerweile wurde Niphargus luchoffmanni an zahlreichen Orten entlang des Alpennordhangs gefunden. Er gilt heute als einer der häufigsten Flohkrebse der Schweiz. Diese schnelle Entwicklung vom vermeintlichen Spezialisten zum weitverbreiteten Generalisten zeigt, wie wenig wir über die Artenvielfalt in unseren unterirdischen Gewässern wissen.
Fakten zum Höhlenflohkrebs
- Grösse: 0,5 bis 3 Zentimeter, Niphargus luchoffmanni etwa 9 Millimeter.
- Ernährung: Mikroorganismen, die organisches Material im Wasser zersetzen.
- Orientierung: Lange Antennen ersetzen Augen in der Dunkelheit.
- Bewegung: Viele Beinchen machen ihn zu einem wendigen Ruderer.
Die Rolle der Höhlenforscher und Brunnenmeister
Die Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung möchte mit der Wahl des «Höhlentiers des Jahres» auf diese Wissenslücken aufmerksam machen. Christian Lüthi, ein Forstingenieur aus Interlaken und passionierter Höhlenforscher, betont die Herausforderungen. Er sagt:
«Mit dem <Höhlentier des Jahres> möchte die Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung darauf hinweisen, wie wenig wir über die Lebewesen unter Tag wissen.»Er fügt hinzu, dass Höhlenforscher bei ihren Touren oft nicht genug Zeit haben, gezielt nach solch kleinen Lebewesen zu suchen.
Trotzdem sind Höhlenforscher wichtige Partner für die Wissenschaft. Sie liefern wertvolle Informationen an das Team um Professor Florian Altermatt vom Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag, das sich intensiv mit Flohkrebsen beschäftigt. Für eine systematische und landesweite Suche hat das Eawag-Team jedoch eine breitere Unterstützung gesucht und gefunden.
Zusammenarbeit für die Forschung
Hunderte Brunnenmeister aus der ganzen Schweiz haben sich dem Projekt angeschlossen. Sie schickten Tierchen aus den Filtern ihrer Trinkwasserversorgungen an die Eawag. Diese Zusammenarbeit war äusserst erfolgreich. Innerhalb kurzer Zeit wurden zahlreiche weitere neue Arten entdeckt. Aktuell sind 24 Flohkrebsarten aus dem Untergrund bekannt, was mehr als der Hälfte der insgesamt rund 40 in der Schweiz dokumentierten Arten entspricht.
Trinkwasserqualität und die Bedeutung der Flohkrebse
Flohkrebse spielen eine entscheidende Rolle im Ökosystem unserer unterirdischen Gewässer. Sie ernähren sich von Mikroorganismen, die ihrerseits organisches Material im Wasser zersetzen. Dies macht sie zu wichtigen Akteuren im Stoffkreislauf und bei der natürlichen Reinigung unseres Trinkwassers.
Roman Alther, Flohkrebsforscher an der Eawag, erklärt die Vielfalt der Lebensräume:
«Einige dieser Arten kommen nur in Karsthöhlen im Jura oder in den Voralpen vor, andere nur im Grundwasser. Die meisten aber findet man sowohl in Höhlen als auch im Grundwasser und in Quellen.»Diese Beobachtung unterstreicht die enge Verbindung der verschiedenen Lebensräume. Sie zeigt, dass ein umfassender Schutz aller dieser Bereiche notwendig ist, um unser Trinkwasser zu sichern.
Biologisches Monitoring als Ergänzung
Die Eawag erforscht derzeit, welche Arten welche Wasserqualität anzeigen. Ziel ist es, ein biologisches Monitoring zu entwickeln. Roman Alther dazu:
«Wir entwickeln ein biologisches Monitoring, das die herkömmlichen chemischen und physikalischen Trinkwasserkontrollen ergänzt.»Lebewesen können nicht nur den Zustand zum Zeitpunkt der Messung aufzeigen, sondern auch Qualitätsschwankungen über längere Zeiträume. Ein vorübergehender Eintrag giftiger Stoffe würde beispielsweise die Artenzusammensetzung verändern und so sichtbar werden.
Herausforderungen für die Forschung
Die Entdeckung neuer Arten ist ein fortlaufender Prozess. Für das Berner Oberland sind bisher zwei Arten beschrieben: Niphargus luchoffmanni, der in Karsthöhlen und im Grundwasser vorkommt, sowie Niphargus thienemanni, ein weit verbreiteter Quellbewohner. Roman Alther bestätigt:
«Dazu kommen weitere Arten, die noch nicht wissenschaftlich beschrieben sind.»Es gibt sogar einen Flohkrebs, der möglicherweise nur an der Schrattenfluh vorkommt und somit eine extrem enge Verbreitung hat.
Einige dieser Arten sind nach der letzten Eiszeit in die Schweiz eingewandert. Andere wiederum haben in eisfreien Gebieten oder sogar unter Gletschern überlebt. Sie sind gut an die Dunkelheit und die konstant kalten Wassertemperaturen angepasst. Eine offene Frage ist, wie sie mit den Temperaturschwankungen durch den Klimawandel oder durch Wärmepumpen zurechtkommen werden. Diese Aspekte sind Gegenstand weiterer Forschung zum «Höhlentier des Jahres 2026» und zeigen die Komplexität der unterirdischen Ökosysteme auf.
- Artenvielfalt: Bislang 24 bekannte Flohkrebsarten im Schweizer Untergrund.
- Regionale Besonderheiten: Einige Arten sind nur in spezifischen Regionen oder Lebensräumen zu finden.
- Anpassungsfähigkeit: Gut angepasst an Dunkelheit und kalte Temperaturen.
- Klimawandel: Auswirkungen von Temperaturschwankungen auf die Arten noch unerforscht.





