Die Idee einer nationalen Schweizer Armee, wie wir sie heute kennen, ist überraschend jung. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, nach dem Sonderbundskrieg, entstand der Bedarf für eine zentrale militärische Organisation. Zuvor war die Wehrstruktur der Eidgenossenschaft ein komplexes Geflecht aus kantonalen Milizen und privaten Söldnerunternehmen, die oft ineffizient und uneinheitlich agierten. Ein Vortrag im Schloss Frauenfeld beleuchtet die faszinierende Entwicklung von den lokalen Kriegern des Mittelalters hin zum modernen Bundesheer.
Wichtigste Erkenntnisse
- Die Idee einer einheitlichen Schweizer Armee entstand erst nach dem Sonderbundskrieg 1847.
- Im Mittelalter war die Kriegsführung dezentral und oft ineffizient.
- Reformen im 15. Jahrhundert legten den Grundstein für professionellere Strukturen.
- Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert förderte die Entwicklung von Massenheeren.
- Die Armee wurde zu einem Symbol der nationalen Einheit und des Bundesstaates.
Frühe Wehrsysteme: Eine Frage der Eigeninitiative
Im Mittelalter war die Kriegsführung in den Schweizer Gebieten stark dezentralisiert. Städte und Adlige waren selbst für die Aufstellung ihrer Truppen verantwortlich. Die Soldaten mussten ihre Waffen und Ausrüstung oft auf eigene Kosten beschaffen. Dieses System führte zu grossen Unterschieden in der Ausstattung und Ausbildung. Historische Waffenlisten und Rechnungen belegen, wie kostspielig und unzuverlässig diese Art der Verteidigung war.
Die fehlende Einheitlichkeit zeigte sich in der Praxis. Jede Region hatte ihre eigenen Standards, was die Koordination in grösseren Konflikten erschwerte. Es gab keine zentrale Befehlsstruktur, die alle Einheiten effektiv hätte leiten können. Diese Situation machte die Verteidigung anfällig und ineffizient.
Interessanter Fakt
Noch im Jahr 1847 kämpften Schweizer im Sonderbundskrieg gegeneinander. Dieser Konflikt, der die katholischen Kantone gegen die liberalen Kantone stellte, war ein entscheidender Moment für die spätere Schaffung einer nationalen Armee und eines Bundesstaates.
Reformen und der Weg zur Professionalisierung
Unter Persönlichkeiten wie Karl dem Kühnen, Herzog von Burgund, kam es im 15. Jahrhundert zu wichtigen Reformen im Militärwesen. Diese Reformen führten zu klareren Regeln, besserer Ausbildung und einer zentraleren Führung. Solche Neuerungen hatten auch Einfluss auf die Eidgenossenschaft.
Das darauf aufbauende Soldunternehmertum der Eidgenossen markierte einen Übergang. Es war nicht nur ein Wandel in der Wehrwirtschaft, sondern auch der Beginn einer neuen Epoche, der Neuzeit. Die Schweizer Söldner erwarben sich einen Ruf für ihre Disziplin und Kampfkraft, was auch der Eidgenossenschaft Prestige verlieh.
Dieser Professionalisierungsprozess zeigte, dass eine strukturiertere Herangehensweise an die Kriegsführung Vorteile brachte. Die Erfahrungen aus dem Söldnerwesen flossen später in Überlegungen zur eigenen Verteidigung ein.
Vom Kontingent zum modernen Massenheer
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte weiterhin Uneinheitlichkeit. Es gab keine gemeinsamen Uniformen, keine standardisierte Ausrüstung und keine einheitlichen Fahnen. Die Soldaten aus den verschiedenen Kantonen sahen sich oft als Angehörige ihrer jeweiligen Heimat, nicht als Teil einer grösseren Schweizer Einheit.
Der Aufbau moderner Massenheere, wie sie in anderen europäischen Ländern entstanden, erforderte eine zentrale und internationale Beschaffung. Schweizer Firmen wie Saurer in Arbon profitierten von dieser Entwicklung, indem sie Ausrüstung und Fahrzeuge lieferten. Die Industrialisierung spielte eine entscheidende Rolle bei der Modernisierung des Militärs.
Historiker Andreas Rub betont: "Die Idee einer einheitlichen Schweizer Armee, ja sogar einer einheitlichen Schweiz, ist noch nicht so alt, wie man vielleicht denken mag."
Hintergrundinformation
Der Begriff «Schweizer» als nationale Identität und die Schweizerfahne als nationales Symbol setzten sich erst relativ spät durch. Dies unterstreicht, wie stark die Kantone und lokalen Identitäten über Jahrhunderte hinweg prägend waren.
Der Sonderbundskrieg als Katalysator
Der Sonderbundskrieg von 1847 war ein Wendepunkt. Er zeigte die Überlegenheit eines zentral organisierten Militärsystems deutlich. Die liberalen Kantone, die eine stärkere Zentralregierung und ein einheitliches Militär anstrebten, setzten sich durch. Dieser Konflikt legte den Grundstein für die Bundesverfassung von 1848 und damit für einen modernen Bundesstaat.
Mit der neuen Verfassung erhielt der Bund die Kompetenz zur Organisation des Militärs. Dies führte zur Schaffung einer nationalen Armee, die von den Prinzipien des Föderalismus, der Neutralität und starken nationalen Symbolen geprägt war. Die Landesfahne, das weisse Kreuz auf rotem Grund, wurde zu einem verbindenden Zeichen für alle Schweizer.
Die Transformation vom lokalen Kontingent zum Bundesheer war ein langer Prozess. Er war geprägt von militärischen Notwendigkeiten, politischen Auseinandersetzungen und einem wachsenden Gefühl nationaler Identität. Die Armee wurde zu einem der wichtigsten Symbole des jungen Bundesstaates.
Ausblick: Die Bedeutung der Schweizer Armee heute
Die Schweizer Armee hat sich seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert stetig weiterentwickelt. Sie ist heute ein integraler Bestandteil der schweizerischen Identität und des Verteidigungssystems. Ihre Geschichte ist ein Spiegelbild der nationalen Entwicklung von einem losen Staatenbund zu einem geeinten Bundesstaat.
Der Vortrag "Vom Eigenkauf zum Einheitsheer. Die Entstehung der Schweizer Armee" am Donnerstag, 29. Januar 2026, von 12.30 bis 13 Uhr im Schloss Frauenfeld bietet die Möglichkeit, tiefer in diese spannende Geschichte einzutauchen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist über historisches-museum.tg.ch/events möglich.
- Datum: Donnerstag, 29. Januar 2026
- Uhrzeit: 12:30 bis 13:00 Uhr
- Ort: Schloss Frauenfeld
- Eintritt: Frei
- Anmeldung: historisches-museum.tg.ch/events
Diese Veranstaltung bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, die komplexen historischen Prozesse zu verstehen, die zur heutigen Form der Schweizer Armee geführt haben. Sie zeigt auch, wie eng die Entwicklung des Militärs mit der Entstehung der nationalen Identität verbunden ist.
Die Wehrökonomie, die gesellschaftliche Wahrnehmung der Soldaten und die Ausrüstung haben sich im Laufe der Jahrhunderte dramatisch gewandelt. Diese Veränderungen sind entscheidend, um die Rolle der Armee in der modernen Schweiz zu begreifen.


