Die nationale Fluggesellschaft Swiss steht vor einer grossen Herausforderung: Trotz attraktiver Gehälter findet sie nicht genügend Piloten, um alle Cockpits zu besetzen. Dieser Mangel hat bereits spürbare Folgen für den Flugbetrieb und führt zu wachsenden Spannungen mit der Pilotengewerkschaft.
Kürzlich mussten von 32 ausgeschriebenen Stellen 26 unbesetzt bleiben. Die Situation ist so angespannt, dass die Swiss gezwungen ist, Flüge zu streichen und auf Unterstützung von ihrer Schwestergesellschaft Austrian Airlines zurückzugreifen.
Wichtige Fakten
- Swiss konnte nur 6 von 32 offenen Pilotenstellen besetzen.
- Der Mangel wird auf Nachwirkungen der Pandemie, Ausbildungsengpässe und das Senioritätsprinzip zurückgeführt.
- Die Pilotengewerkschaft Aeropers kritisiert die Arbeitsbedingungen und wirft der Airline Wortbruch vor.
- Ein Konflikt um den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) spitzt sich zu; die Gewerkschaft will den Vertrag kündigen.
Leere Cockpits trotz hoher Gehälter
Der Beruf des Piloten galt lange als Traumberuf, verbunden mit Abenteuer und einem überdurchschnittlichen Einkommen. Bei der Swiss beginnt ein Copilot mit einem Jahresgehalt von 89'000 Franken, während erfahrene Kapitäne bis zu 220'000 Franken verdienen können. Dennoch gelingt es der Fluggesellschaft nicht, genügend qualifiziertes Personal zu rekrutieren.
Die jüngste Rekrutierungsrunde verdeutlicht das Problem: Von 32 offenen Stellen für Piloten konnten lediglich sechs besetzt werden. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, mussten unkonventionelle Lösungen gefunden werden. Vier Piloten werden von Austrian Airlines ausgeliehen, und nur zwei externe Piloten konnten neu eingestellt werden.
Rekrutierung am Limit
Ein Sprecher der Swiss bestätigte, dass die Airline bereits „am Maximum der möglichen Kapazitäten“ rekrutiere. Die Schwierigkeiten bei der Besetzung der Stellen zeigen, dass das Problem tiefgreifender ist als eine vorübergehende Lücke.
Um die Attraktivität zu steigern, hat die Swiss sogar eine langjährige Regel gelockert. Früher mussten sich Copiloten auf der Kurzstrecke bewähren, bevor sie auf Langstreckenflüge wechseln durften. Nun wird ein Direkteinstieg auf Langstreckenflüge angeboten – bisher jedoch ohne den erhofften Erfolg.
Ein Problem mit mehreren Ursachen
Die Gründe für den aktuellen Pilotenmangel sind vielschichtig. Die Swiss selbst nennt mehrere Faktoren, die zur angespannten Personalsituation beitragen.
Nachwirkungen der Corona-Pandemie
Während der Pandemie wurde der Flugbetrieb stark reduziert. In dieser Zeit wurden Schulungen ausgesetzt und die Ausbildung neuer Piloten kam fast zum Erliegen. Gleichzeitig nutzten viele erfahrene Kapitäne die Gelegenheit, um in den Vorruhestand zu gehen. Die Ausbildungsprogramme wurden erst 2023 wieder vollständig hochgefahren, doch es dauert Jahre, bis ein neuer Pilot voll einsatzfähig ist.
Ausbildungs- und Umschulungsengpässe
Ein weiterer limitierender Faktor ist die Verfügbarkeit von Flugsimulatoren. Die Ausbildung neuer Piloten erfordert intensive Trainingseinheiten, für die nur eine begrenzte Anzahl von Simulatoren zur Verfügung steht. Zusätzlich hat die Swiss im Herbst einen neuen Flugzeugtyp, den Airbus A350, in ihre Flotte aufgenommen. Die Umschulung bestehender Piloten auf dieses neue Modell bindet ebenfalls wertvolle Kapazitäten in den Simulatoren und bei den Ausbildern.
Das starre Senioritätsprinzip
In kaum einem anderen Berufsfeld ist die Betriebszugehörigkeit so entscheidend wie in der Luftfahrt. Das Senioritätsprinzip regelt die Karriereentwicklung, die Einsatzplanung und das Gehalt. Wer die Fluggesellschaft wechselt, verliert seine angesammelte Seniorität und fängt praktisch wieder bei null an. Dies schreckt viele erfahrene Piloten anderer Airlines davon ab, zur Swiss zu wechseln, da sie auf hart erarbeitete Privilegien verzichten müssten.
Gewerkschaft sieht hausgemachte Probleme
Die Pilotengewerkschaft Aeropers teilt die Analyse der Swiss nur bedingt. Sie argumentiert, dass ein Teil des Mangels hausgemacht sei und auf die Arbeitsbedingungen bei der Airline zurückzuführen ist.
„Teilzeitpensen sind oft die einzige Möglichkeit, das Familienleben zu organisieren. Würde die Swiss besser auf unsere Wünsche eingehen, würden mehr Piloten 100 Prozent arbeiten“, erklärt Thomas Steffen, Kapitän und Vertreter von Aeropers. Er fügt hinzu: „Andere Airlines schaffen das viel besser als die Swiss.“
Die Gewerkschaft kritisiert, dass die Swiss zu unflexibel auf die Bedürfnisse ihrer Angestellten reagiere. Wenn mehr Piloten von Teilzeit- auf Vollzeitpensen wechseln würden, könnten laut Aeropers mehr Verbindungen angeboten werden, ohne dass neue Piloten eingestellt werden müssten.
Streitpunkt Work-Life-Balance
Die Planbarkeit des Privatlebens ist ein zentrales Thema für die Piloten. Die Gewerkschaft wirft der Swiss vor, Versprechen gebrochen zu haben. „Das Privatleben sollte planbarer werden. Doch die Swiss ist dem nicht mit den nötigen Ressourcen und dem nötigen Willen nachgegangen“, so Steffen. Diese Unzufriedenheit trägt zur schlechten Stimmung im Cockpit bei.
Die Airline weist die Vorwürfe zurück und betont, man sei „stets bemüht, eine möglichst gute Balance zwischen den Interessen aller Beteiligten zu finden.“
Konflikt um den Gesamtarbeitsvertrag spitzt sich zu
Die Spannungen zwischen Management und Piloten manifestieren sich nun im Streit um den Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Die Gewerkschaft Aeropers wirft der Swiss vor, einen berechtigten Teuerungsausgleich zweimal mit „fragwürdigen Begründungen“ verweigert zu haben.
Der aktuelle GAV läuft noch bis Ende 2026, doch Aeropers will ihn vorzeitig kündigen. Bis zum 19. November läuft eine Abstimmung unter den Piloten über diesen Schritt. Sollte die Mehrheit zustimmen, könnten neue Verhandlungen beginnen.
Aufgrund des branchenweiten Pilotenmangels sieht sich die Gewerkschaft in einer starken Verhandlungsposition. Ihre Forderungen sind klar:
- Höhere Löhne: Anpassung an die Teuerung und eine generelle Lohnerhöhung.
- Bessere Planbarkeit: Mehr Einfluss der Piloten auf den monatlichen Einsatzplan, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können.
Der Ausgang dieser Auseinandersetzung wird entscheidend dafür sein, ob die Swiss ihre Personalprobleme in den Griff bekommt und die Stabilität ihres Flugplans für die Zukunft sichern kann.





