Ein ehrgeiziges Zürcher Startup, Qnective, das einst versprach, den Markt für abhörsichere Mobilfunksysteme zu revolutionieren, ist gescheitert. Das Unternehmen hinterliess einen Schuldenberg von rund 160 Millionen Franken, von dem private Investoren und der Schweizer Bund betroffen sind. Die Hoffnungen auf grosse internationale Aufträge und einen Börsengang zerschlugen sich.
Wichtige Erkenntnisse
- Qnective, ein Zürcher Startup, scheiterte mit seinem abhörsicheren Mobilfunksystem.
- Der Bund ist durch die Schweizerische Exportrisikoversicherung (Serv) mit 61,6 Millionen Dollar betroffen.
- Private Investoren, darunter zwei Basler Familien, verloren rund 55 Millionen Franken.
- Versprochene Grossaufträge aus Indonesien und Oman materialisierten sich nie vollständig.
- Ein geplanter Börsengang wurde nie realisiert.
Der Aufstieg und Fall eines ambitionierten Startups
Der Whistleblower Edward Snowden löste im Jahr 2013 eine Welle der Besorgnis über die Sicherheit des Mobilfunks aus. Dies schuf einen fruchtbaren Boden für Unternehmen, die abhörsichere Kommunikationslösungen anboten. Mitten in diesem Hype positionierte sich Qnective als vielversprechendes Schweizer Startup.
Die Medien berichteten enthusiastisch über das Unternehmen. Schlagzeilen wie «Whatsapp ohne Big Brother» oder «Im Netz des Sultans» nährten die Erwartung eines sicheren Erfolgs. Qnective versprach, Sicherheitsbehörden in Ländern wie Indonesien und Oman mit seiner Software auszustatten. Alleine der Indonesien-Deal wurde auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt, während Oman jährliche Einnahmen von 30 Millionen Franken über 15 Jahre in Aussicht stellte.
Faktencheck
- Gründungsjahr: Nach 2013, im Hype um abhörsichere Kommunikation.
- Kerninvestitionen: 55 Millionen Franken von zwei Basler Familien.
- Versprochene Aufträge: Indonesien (dreistelliger Millionenbetrag), Oman (30 Millionen Franken jährlich über 15 Jahre).
Die Rolle der Schweizerischen Exportrisikoversicherung
Das Omangeschäft war entscheidend für Qnective. Die Schweizerische Exportrisikoversicherung (Serv) sicherte dieses Geschäft doppelt ab. Eine Fabrikationsgarantie über 86 Millionen Dollar sollte den Netzaufbau absichern, während eine Lieferantengarantie über 180 Millionen Dollar für den laufenden Betrieb vorgesehen war. Diese staatliche Rückversicherung ermöglichte es der Credit Suisse, Qnective Darlehen für die Produktion zu gewähren.
Anfangs schien alles nach Plan zu laufen. Qnective zahlte die ersten drei Raten pünktlich zurück. Doch ab 2017 begannen sich die Zahlungsrückstände zu häufen. Im Oktober forderte die Credit Suisse die Rückzahlung der Darlehen von der Serv ein. Der Bund musste daraufhin 63 Millionen Dollar aus staatlichen Mitteln erstatten.
«Dass Startups scheitern, ist statistisch eher die Regel denn die Ausnahme.»
Hintergrund Serv
Die Schweizerische Exportrisikoversicherung (Serv) schützt Schweizer Exporteure vor politischen und wirtschaftlichen Risiken im Ausland. Sie fördert damit den Export und sichert Arbeitsplätze in der Schweiz.
Rechtsstreitigkeiten und ungedeckte Forderungen
Qnective leistete noch ein Jahr lang vereinzelte Teilzahlungen, wodurch sich die Schuld gegenüber der Serv auf 61,6 Millionen Dollar reduzierte. Im Jahr 2018 brach das Geschäft endgültig zusammen. Qnective weigerte sich, die Zahlungsaufforderung der Serv zu erfüllen und wies jede Schuld von sich.
Das Startup argumentierte, die Serv habe durch ihr Verhalten den Zahlungsausfall selbst verursacht und habe daher keinen Anspruch auf Rückzahlung. Gleichzeitig forderte Qnective 117 Millionen Dollar aus der Lieferantenkreditversicherung von der Serv. Diese Forderung wird fällig, wenn der Kunde nicht bezahlt. Die Serv wies dies jedoch zurück, da die Leistungserbringung unsicher sei und die Forderung zuerst in Oman selbst geltend gemacht werden müsse.
Das Bundesverwaltungsgericht und später das Bundesgericht entschieden gegen Qnective. Die Forderung des Startups über 117 Millionen Dollar an die Serv wurde als ungültig erklärt. Die Forderung der Serv an Qnective über 61 Millionen Dollar hingegen wurde als rechtens befunden.
Das Ende: Konkurs und gescheiterte Rettungsversuche
Bereits Mitte 2023 stufte die Revisionsgesellschaft Qnective als überschuldet ein und legte ihr Mandat nieder. Ein Konkursbegehren des Zürcher Vermieters wegen ausstehender Mietkosten folgte. Das Gericht stimmte einer stillen provisorischen Nachlassstundung zu. Dies bedeutete, dass ein Sachwalter eingesetzt wurde, das Verfahren aber nicht öffentlich gemacht wurde.
Der Sachwalter forderte nach der Prüfung der Bücher wiederholt die Eröffnung des Konkurses. Doch immer wieder wurden neue Rettungsversuche und Investitionszusagen angekündigt, die das Gericht dazu bewogen, die Fristen zu verlängern. Es war die Rede von:
- Einem Investor, der eine Mehrheit übernehmen und 500 Millionen Euro einschiessen werde.
- Einem indonesischen Investor, der 10 Millionen Euro beisteuern sollte.
- Einer Provision von 2,3 Millionen Franken aus einer Transaktion zwischen Firmen auf den Bahamas und in Irland.
Diese Geschäfte materialisierten sich jedoch nie. Auch ein geplanter Nickel-Deal, bei dem Qnective ein Depot im Wert von 3,5 Milliarden Euro als Sicherheit anbieten wollte, scheiterte. Keine Bank wollte Nickeldraht als Sicherheit akzeptieren. Zudem trat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf den Plan, da abhörsichere Anlagen als Dual-Use-Produkte gelten, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Dies schreckte weitere Banken ab.
Vor genau einem Jahr war der Konkurs nicht mehr abzuwenden. Eine Beschwerde beim Zürcher Obergericht, mit der Begründung, man habe noch Forderungen bei der Serv offen, wurde eingereicht. Der Sachwalter summierte die Schulden von Qnective jedoch auf mittlerweile 160 Millionen Franken. Seit der Überschuldungsanzeige war dem Unternehmen kein substanzieller Betrag mehr zugeflossen.
Anfragen zur Stellungnahme blieben unbeantwortet. Von einem Geschäft mit abhörsicheren Mobilfunksystemen ist heute keine Rede mehr.




