Wandmalereien, auch Murales genannt, prägen zunehmend das Erscheinungsbild von Städten und Gemeinden in der Schweiz. Diese grossflächigen Kunstwerke, einst der Subkultur zugeordnet, finden heute ihren Weg in den öffentlichen Raum als kuratierte Auftragsarbeiten. Sie beleben Fassaden und lösen gleichzeitig Debatten über ihre Qualität und Wirkung aus.
Wichtige Erkenntnisse
- Murales entwickeln sich von der Subkultur zu kuratierten Kunstprojekten.
- Sie können Orte emotional aufladen und neue Identifikation schaffen.
- Qualitätskriterien und fachliche Begleitung sind für öffentliche Wandbilder entscheidend.
- Internationale Erfolge zeigen das wachsende Ansehen der Schweizer Urban Art.
- Wandkunst muss die Gratwanderung zwischen Aufwertung und rein dekorativer Funktion meistern.
Die Transformation der urbanen Kunst
Wandbilder haben eine lange Geschichte, die tief in der Subkultur verwurzelt ist. Ursprünglich oft spontan und unautorisiert entstanden, galten sie als Ausdruck von Risiko und Eigeninitiative. Reto Müller, der Leiter des Kunstraums Kreuzlingen, betont diesen Ursprung. Er sieht in der Vergänglichkeit, die solche Werke oft auszeichnet, eine Quelle ihrer Lebendigkeit.
In den letzten Jahren hat sich jedoch ein deutlicher Wandel vollzogen. Immer häufiger werden Murales heute von Städten, Gemeinden oder privaten Auftraggebern gefördert und gezielt in Projekte integriert. Diese Entwicklung eröffnet neue Möglichkeiten für Künstler, bringt aber auch eine erhöhte Verantwortung mit sich.
Hintergrund: Murales im Wandel
Historisch waren Wandmalereien oft politische Statements oder Ausdruck von Jugendkulturen. Heute werden sie zunehmend als Instrument der Stadtentwicklung und des Standortmarketings eingesetzt. Diese Entwicklung erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen künstlerischer Freiheit und öffentlichem Anspruch.
Qualität vor blosser Dekoration
Reto Müller warnt davor, Wandbilder ohne fundiertes Konzept oder rein zu dekorativen Zwecken einzusetzen. Er befürchtet, dass der öffentliche Raum an kultureller Tiefe verlieren könnte, wenn Murales lediglich als Marketinginstrumente dienen. Müller plädiert für klare Qualitätskriterien, eine sorgfältige Bildauswahl und fachliche Begleitung bei der Umsetzung. Er zieht Parallelen zu traditionellen Kunst-am-Bau-Projekten. Öffentliche Fassaden prägen das Stadtbild über viele Jahre hinweg; ihre Gestaltung sollte daher bewusst und mit Bedacht erfolgen.
«Wandbilder sind immer auch eine Aneignung des öffentlichen Raums. Oft verbunden mit Risiko, Eigeninitiative und der Bereitschaft, übermalt zu werden», sagt Reto Müller, Leiter des Kunstraums Kreuzlingen.
Der St. Galler Künstler Dominik Rüegg, bekannt als Drü Egg, arbeitet seit Jahren an grossflächigen Wandbildern im öffentlichen Raum. Er sieht die Stärke von Murales darin, dass Kunst den Menschen im Alltag begegnet. Sie ist frei zugänglich, barrierearm und ständig präsent, ohne dass man sie aufsuchen oder dafür bezahlen muss.
Romanshorn und Frauenfeld als Beispiele
Ein aktuelles Beispiel für die transformative Kraft von Murales ist Rüeggs Arbeit im Rahmen des Projekts Stadthaus+ in Romanshorn. Nach einem positiven Volksentscheid im vergangenen September konnte Drü Egg eine zuvor unscheinbare Fassade am Sternenplatz in einen markanten Blickfang verwandeln. Solche Werke können, so Rüegg, Orte emotional aufladen und neue Identifikation schaffen. Allerdings wird sein Werk dem geplanten Neubau des Stadthauses weichen müssen.
Interessante Zahlen
- Das Werk von Patrick Redl Wehrli in Frauenfeld war rund 20 mal 20 Meter gross.
- Es wurde für die internationale Wahl zum «Best Mural of the Year» nominiert, was die wachsende Bedeutung der Schweizer Urban Art unterstreicht.
Die internationale Strahlkraft thurgauischer Murales zeigt sich auch am Beispiel von Patrick Redl Wehrli. Sein rund 20 mal 20 Meter grosses Werk am Gebäude von SIA Abrasives in Frauenfeld wurde für die internationale Wahl zum «Best Mural of the Year» nominiert. Obwohl der Titel nicht gewonnen wurde, gilt die Nominierung als grosser Erfolg für die Schweizer Urban-Art-Szene und bestätigt die steigende Qualität und Sichtbarkeit lokaler Projekte.
Auch für Redl Wehrli liegt der Reiz darin, Kunst aus den Museen herauszuholen. «Man sieht sie. Ob man will oder nicht», erklärt er. Dieser leicht subversive Charakter gehöre zur DNA der Street Art.
Auftragskunst und «Charma-Jobs»
Öffentliche «Leinwände» sind im Kanton Thurgau noch rar. Dominik Rüegg beobachtet einen stärkeren Trend zur Murales-Auftragskunst im Innenraum, etwa in Startups oder Büros. Dort sind die Briefings oft klar definiert. Doch es gibt auch Projekte, die ihn immer wieder herausfordern.
Aktuell arbeitet Rüegg an einem Projekt der Elektrizitätswerke Sirnach, die einen Batteriespeicher künstlerisch verschönern wollen. Er unterscheidet zwischen «Geld-Jobs» und «Charma-Jobs». Letztere dienen der Vermittlung von Kunst, wie etwa bei Studierenden der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Diese Balance zu finden, ist sein Ziel. Die Tatsache, dass das Thema Wandkunst nun auch in Klassenzimmern behandelt wird, freut ihn besonders.
Die Gratwanderung der Wandkunst
Murales werden als Instrument der Aufwertung wahrgenommen. Sie bringen Farbe in graue Zonen, schaffen Identität und machen Stadträume erlebbarer. Zugleich bleiben sie umstritten. Während einige sie als kulturelle Bereicherung feiern, empfinden andere sie als rein dekorative Oberflächenkunst oder verbinden Sprayarbeiten mit Vandalismus. Die urbane Kunst bewegt sich stets in diesem Spannungsfeld. Ein Phänomen, das durch Künstler wie Banksy weltweit sichtbar wurde.
«Ich sehe Potential in Murales. Finde Wandmalerei in domestizierter Form aber auch nicht übermässig interessant», so Reto Müller.
Für Reto Müller ist diese Ambivalenz Teil der aktuellen Debatte. Er betont, dass der öffentliche Raum kein neutraler Hintergrund ist, sondern ein sensibler kultureller Resonanzraum. Stefan Krummenacher, Kulturbeauftragter von Romanshorn, stimmt dem zu. Er unterstreicht die strategische Bedeutung solcher Projekte. Kunst im öffentlichen Raum sollte nicht zufällig entstehen, sondern bewusst Akzente setzen, die Aufenthaltsqualität verbessern und den Dialog fördern.
Das Projekt Stadthaus+ in Romanshorn ist ein Beispiel dafür, wie Architektur, Stadtentwicklung und zeitgenössische Kunst harmonisch zusammenspielen können. Es zeigt, dass Wandkunst, wenn sie bewusst und qualitätsvoll eingesetzt wird, einen wertvollen Beitrag zur Gestaltung unserer Lebensräume leisten kann.





