Mehrere Kundinnen und Kunden erheben schwere Vorwürfe gegen das digitale Fitness-Coaching-Unternehmen «Fit on Time». Sie berichten von hohen Kosten, aggressivem Verkaufsgebaren am Telefon und Schwierigkeiten bei der Kündigung von Verträgen, die Tausende von Franken kosten. Rechtsexperten stellen die Rechtmässigkeit der Vertragsklauseln infrage.
Das Wichtigste in Kürze
- Zahlreiche Kunden beschweren sich über das Geschäftsgebaren des Online-Coaching-Anbieters «Fit on Time».
- Die Kosten für Jahresverträge belaufen sich oft auf über 6000 Franken, was Branchenexperten als überteuert einstufen.
- Kunden berichten von telefonischem Druck und Schwierigkeiten, aus den Verträgen auszusteigen, selbst bei sofortigem Widerruf.
- Eine Rechtsexpertin erklärt, dass solche Verträge jederzeit kündbar sein müssten und hohe Stornogebühren unzulässig sind.
- Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück und verweist auf erbrachte Leistungen und die Gültigkeit der Verträge.
Ein teures Versprechen am Telefon
Der Weg zu «Fit on Time» beginnt für viele Interessierte mit einem unverfänglichen Online-Quiz. Kurz darauf folgt ein Anruf eines Beraters. Loredana Landenberger beschreibt das Gespräch als charmant und überzeugend. Am Ende stimmte sie einem Jahrescoaching für 6486 Franken zu, eine Entscheidung, die sie fast sofort bereute.
«Als ich die Kosten realisierte, bekam ich Panik», erzählt sie. Bereits am nächsten Tag versuchte sie, den Vertrag zu kündigen. Doch das Unternehmen lehnte ab. Wenige Monate später lag eine Betreibung im Briefkasten. Ihr Fall ist kein Einzelfall. Andere Kunden berichten von ähnlichen Erfahrungen, bei denen sie sich zu teuren Verträgen überredet fühlten, die sie sich kaum leisten konnten.
Was ist «Fit on Time»?
«Fit on Time» bietet ein digitales Coaching-Programm an, das Fitness, Ernährung und Gesundheit abdeckt. Die Betreuung erfolgt hauptsächlich über eine App, per Telefon und WhatsApp. Im Gegensatz zu klassischen Fitnessstudios gibt es keine persönliche Betreuung vor Ort. Das Unternehmen betont den individuellen Charakter seiner Programme, die auf einer Anamnese basieren.
Branchenverband kritisiert Preisgestaltung
Die hohen Kosten der Programme sorgen in der Branche für Kopfschütteln. Claude Ammann, Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheits-Center Verbandes (SFGV), bezeichnet die Preise als «völlig überteuert». Er rechnet vor, dass man für einen Betrag von über 6000 Franken bis zu fünf Jahre lang in einem gut ausgestatteten Fitnesscenter trainieren könnte – inklusive persönlicher Betreuung vor Ort.
Ammann kritisiert auch das Modell des reinen Online-Coachings. «Ein seriöses Training braucht persönliche Betreuung und Kontrolltermine», erklärt er. Jemand müsse die Ausführung der Übungen überwachen und korrigieren, um Verletzungen zu vermeiden. Dies sei über eine App nur schwer zu gewährleisten.
«Ich bin im Fitnessstudio besser betreut. Bei ‹Fit on Time› schaut niemand zu, ob ich die Übungen richtig mache.»
Rechtliche Zweifel an Vertragsklauseln
Ein zentraler Streitpunkt ist die Kündigung der Verträge. «Fit on Time» besteht darauf, dass die Verträge eine feste Laufzeit haben und nur aus wichtigen medizinischen Gründen vorzeitig aufgelöst werden können. Bei einem Ausstieg aus anderen Gründen werden hohe Stornogebühren fällig. Miranda Brugger sollte beispielsweise 1000 Franken Stornogebühr zahlen, als sie vier Monate vor Vertragsende kündigen wollte.
Rechtsexpertin: Kündigung jederzeit möglich
Die Rechtsexpertin Gabriela Baumgartner klassifiziert solche Coaching-Verträge rechtlich als Auftrag. Gemäss Schweizer Obligationenrecht kann ein Auftrag jederzeit von beiden Parteien gekündigt werden. Der Kunde müsse nur die bis zum Zeitpunkt der Kündigung tatsächlich erbrachten Leistungen bezahlen. Eine pauschale Stornogebühr, die dieses Recht aushebelt, sei rechtswidrig.
Das Unternehmen widerspricht dieser juristischen Einordnung. Es vergleicht sein Angebot eher mit einer individualisierten App oder einem Premium-Abo im Fitnesscenter. Die vereinbarte feste Laufdauer sei gesetzeskonform. Die verrechneten Stundenansätze bei einer vorzeitigen Kündigung würden lediglich den bereits erbrachten Aufwand für Analyse, Planerstellung und Betreuung widerspiegeln.
Besonders heikle Fälle werfen Fragen auf
Besonders problematisch erscheinen Fälle, in denen offensichtlich vulnerable Personen teure Verträge abschliessen. Die 78-jährige Annelies Nussmüller, die schlecht sieht und sturzgefährdet ist, schloss am Telefon einen Vertrag über rund 3000 Franken ab. Sie verstand nach eigenen Angaben kaum, was sie da akzeptierte.
Ihre Ergotherapeutin stufte viele der Übungen, die sie auf Papier erhielt, als «ungeeignet und gefährlich» ein. Trotz eines Arztzeugnisses, das ihre schweren körperlichen Einschränkungen bestätigte, beharrte «Fit on Time» zunächst auf der vollen Zahlung. Erst nach einer Medienanfrage verzichtete das Unternehmen «aus Kulanz» auf die Forderung.
Auch die 72-jährige Evelyne Agred, die Ergänzungsleistungen bezieht, wollte einen Vertrag über mehrere Tausend Franken kurz nach Abschluss wieder kündigen. Ihr wurde mitgeteilt, dies sei nicht möglich.
Stellungnahme des Unternehmens
«Fit on Time» weist die Vorwürfe entschieden zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme betont das Unternehmen, dass Verträge erst nach aktiver schriftlicher Bestätigung durch die Kunden zustande kommen. Der Vorwurf, es werde Druck aufgebaut, werde klar zurückgewiesen.
Das Unternehmen argumentiert, dass direkt nach Vertragsschluss erhebliche Leistungen erbracht würden, wie etwa Anamnesegespräche, die Erstellung individueller Pläne und die Freischaltung zur App. Diese Leistungen seien nicht mehr rückgängig zu machen. Man biete unzufriedenen Kunden jedoch individuelle Lösungen wie eine Reduzierung des Pakets oder eine Vertragsauflösung gegen eine Pauschale für bereits erbrachte Leistungen an.
Die hohen Stundenansätze seien in der Coachingbranche marktgerecht und dienten nur der Abrechnung bei vorzeitiger Kündigung. Das digitale Coaching sei nicht mit einem klassischen Fitnessstudio vergleichbar und biete eine intensive Betreuung über die gesamte Laufzeit.





