Die Klotener Firma Rolph AG, Spezialist für Zweithaar, hat seit dem tragischen Brand in Crans-Montana eine aussergewöhnliche Welle der Solidarität erlebt. In nur acht Wochen trafen 20 Kilogramm Haarspenden ein, die explizit für die Brandopfer bestimmt sind. Normalerweise erhält das Unternehmen pro Jahr rund 15 Kilogramm Haare.
Diese enorme Menge ermöglicht es Rolph, den Betroffenen massgefertigte Perücken zu stark vergünstigten Preisen anzubieten. Es ist ein bemerkenswertes Zeichen der Hilfsbereitschaft, das den Opfern des Brandes in ihrer Genesungsphase zur Seite stehen soll.
Wichtige Erkenntnisse
- Rolph AG erhielt 20 kg Haarspenden in 8 Wochen, normal sind 15 kg pro Jahr.
- Die Spenden sind speziell für die Brandopfer von Crans-Montana.
- Massgefertigte Perücken werden stark vergünstigt angeboten.
- Bisher hat sich noch kein Opfer bei der Firma gemeldet.
- Die Perückenanpassung ist ein aufwendiger, individueller Prozess.
Ein Berg an Zöpfen: Die Spendenflut nach Crans-Montana
Die Rolph AG in Kloten, ein Familienunternehmen mit langer Tradition im Bereich Haarersatz, verzeichnet seit dem Unglück in Crans-Montana einen beispiellosen Anstieg an Haarspenden. Täglich erreichen das Atelier Pakete, auf denen oft der Vermerk «Haarspende für Crans-Montana» zu lesen ist. Diese Zöpfe sind ein direktes Resultat der Anteilnahme an den Schicksalen der Brandopfer.
Sabrina Kaiser-Kossmayr, CEO der Rolph AG, äussert sich beeindruckt über die Hilfsbereitschaft. Sie führt durch die Räumlichkeiten und zeigt die vier Körbe voller Zöpfe, die allein in den letzten zwei Wochen eingegangen sind. Das Sortieren und Aufbereiten dieser Mengen stellt das Team vor eine grosse Aufgabe.
Fakten zur Haarspende
- Benötigt wird unbehandeltes Naturhaar.
- Die Zöpfe müssen mindestens 30 Zentimeter lang sein.
- Haare mit Spliss oder graue Haare werden aussortiert.
- Jeder Zopf durchläuft eine hygienische Reinigung und Desinfektion.
Der Weg zur massgefertigten Perücke: Präzision und Handarbeit
Die Verarbeitung der gespendeten Haare ist ein komplexer Prozess, der viel Fachwissen erfordert. Zuerst müssen die Zöpfe sorgfältig geprüft werden. Nur unbehandeltes Naturhaar mit einer Mindestlänge von 30 Zentimetern kann verwendet werden. Haare mit Spliss, graue Strähnen oder zu kurze Abschnitte werden aussortiert.
Anschliessend durchlaufen die ausgewählten Haare eine intensive hygienische Reinigung: Sie werden gewaschen, entfilzt, entwirrt und desinfiziert. Danach erfolgt eine erneute Klassifizierung nach Qualität und Struktur. Ein Teil der bereits aufbereiteten Haare wurde bei Rolph speziell für die Opfer von Crans-Montana beiseitegelegt.
«Wir arbeiten auch mit vorgefertigten Echthaarperücken und passen sie dann für die Kundinnen und Kunden individuell an», erklärt Sabrina Kaiser-Kossmayr.
Individuelle Anpassung für optimalen Tragekomfort
Die eigentliche Kunst liegt in der individuellen Anpassung. Näherinnen wie Giusy (54) verkleinern oder dehnen die Montur einer bestehenden Perücke auf das exakte Kopfmass der Kundin oder des Kunden. Bei Bedarf knüpft sie zusätzliche Haare ein, um zum Beispiel den Ansatz zu verdichten oder Strähnchen zu integrieren. Dieser Prozess kann je nach Wunsch bis zu vier Stunden dauern. Eine komplett neue Perücke von Grund auf zu knüpfen, würde sogar 80 Stunden oder mehr in Anspruch nehmen.
Die Beraterinnen, allesamt ausgebildete Coiffeusen, verleihen der Perücke schliesslich den gewünschten Schnitt, Wellen oder andere Styling-Details. Diese persönliche Note ist entscheidend für das Wohlbefinden der Träger.
Hintergrund: Brand in Crans-Montana
In der Silvesternacht ereignete sich in einer Bar in Crans-Montana ein verheerender Brand, der mindestens 41 Todesopfer forderte. Viele weitere Menschen erlitten schwere Verletzungen, darunter auch Brandwunden, die den Verlust von Haaren zur Folge haben können. Die Genesung nach solchen Traumata ist ein langwieriger Prozess, der körperliche und seelische Unterstützung erfordert.
Sinnstiftende Arbeit mit einem klaren Ziel
Die Rolph AG bietet ihre Dienstleistungen normalerweise Krebspatienten oder Menschen mit Alopecia an. Auch Brand- und Unfallopfer benötigen oft massgeschneiderte Perücken oder Haarteile, wenn die Haarwurzeln irreparabel geschädigt sind. Fehlt beispielsweise eine Partie über der Schläfe, kann ein Haarteil diese Stelle kaschieren. Bei Frauen lassen sich solche Teile oft mit Klammern am noch vorhandenen Eigenhaar befestigen.
Für Brandopfer mit kahlen Stellen am Hinterkopf wäre eine Massanfertigung notwendig, eventuell sogar ein Ankleben des Haarteils auf die betroffenen Stellen. Ein individuelles Erstgespräch mit den Beraterinnen ist dabei unerlässlich, um die beste Lösung zu finden.
«Die Arbeit gefällt mir, weil sie sinnstiftend ist. Es ist ein befriedigendes Gefühl», sagt Giusy, die Näherin bei Rolph.
Trotz der grossen Hilfsbereitschaft und der vielen Spenden hat sich bisher noch kein Brandopfer aus Crans-Montana bei Rolph gemeldet. Sabrina Kaiser-Kossmayr vermutet, dass die Betroffenen aktuell noch mit dem Genesungsprozess und der Rehabilitation beschäftigt sind. Sie rechnet damit, dass der Bedarf an Haarlösungen erst in einigen Monaten aktuell wird, und versichert: «Wir sind bereit.»
Kosten und Unterstützung
Die Rolph AG kann die Perücken nicht komplett kostenlos anbieten, da die individuelle Anpassung einen erheblichen Aufwand für das Team bedeutet. Allerdings werden die Preise durch die vielen Haarspenden deutlich vergünstigt. Zudem beteiligen sich oft die IV oder AHV an den Kosten für Haarersatz, was die finanzielle Belastung für die Betroffenen zusätzlich mindert.
Die Initiative der Rolph AG und die überwältigende Spendenbereitschaft der Bevölkerung zeigen, wie tief das Mitgefühl für die Opfer des Unglücks in Crans-Montana ist. Diese Unterstützung kann den Betroffenen helfen, ein Stück Normalität und Selbstvertrauen auf ihrem schwierigen Weg zurückzugewinnen.





