In Stettfurt TG prägt ein ganz besonderer Duft das Dorfbild: der Geruch von Hefe. Dieser stammt von einer lokalen Hefefabrik, die seit über einem Jahrhundert in der Gemeinde ansässig ist. Während einige Bewohner den Geruch als störend empfinden, nehmen andere ihn kaum wahr oder verbinden ihn sogar mit positiven Erinnerungen ans Backen. Ein Experte erklärt, wie sich das menschliche Gehirn an solche konstanten Gerüche anpasst.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Hefegeruch in Stettfurt stammt von einer über 100 Jahre alten Hefefabrik.
- Die Wahrnehmung des Geruchs variiert stark unter den Bewohnern.
- Experten sprechen von «olfaktorischer Adaption», wenn sich das Gehirn an konstante Gerüche gewöhnt.
- Windrichtung spielt eine Rolle bei der Intensität des Geruchs.
- Die Fabrik ist die einzige Herstellerin von Schweizer Hefe.
Der Ursprung des Duftes: Über 100 Jahre Tradition
Der charakteristische Hefegeruch in Stettfurt ist nicht neu. Er stammt von der Hefe Schweiz AG, die seit fast 125 Jahren in der Gemeinde verwurzelt ist. Das Unternehmen ist stolz darauf, die einzige Herstellerin von Schweizer Hefe zu sein. Geschäftsführer Sandro Meier beschreibt den Geruch als leicht malzig, würzig und «brotig», ähnlich dem Duft, den man aus einer guten Bäckerei kennt.
Der Geruch entsteht während des Fermentationsprozesses. Dabei werden Zuckermelasse und Dicksaft hinzugegeben, was eine schnelle Vermehrung der Hefezellen bewirkt. Dieser Prozess ist essenziell für die Hefeherstellung und setzt die typischen Aromen frei, die sich dann in der Umgebung verbreiten.
Faktencheck Hefe
- Produktionsdauer: Die Herstellung von Hefe ist ein komplexer Prozess, der mehrere Tage dauern kann.
- Zutaten: Hauptbestandteile sind Zuckermelasse und Dicksaft, die als Nährboden für die Hefezellen dienen.
- Verwendung: Hefe ist nicht nur für Brot wichtig, sondern auch für die Herstellung von Bier und Wein.
Geteilte Meinungen unter den Bewohnern
Die Reaktionen der Stettfurter auf den omnipräsenten Hefegeruch könnten unterschiedlicher nicht sein. Joanne, 46, zog vor drei Jahren ins Dorf und bemerkte den Geruch sofort. «Zuerst wusste ich nicht, woher es kommt, und ich fand es recht komisch», erzählt sie. Besonders im Frühling und Sommer nehme sie den Geruch intensiver wahr, etwa zweimal pro Woche. Eine Gewöhnung empfindet sie nicht: «Ich glaube nicht, dass man sich je daran gewöhnen kann.»
Ganz anders erlebt es Hans-Jörg, 72. Er lebt seit über 60 Jahren in Stettfurt und arbeitete sogar jahrelang in der Hefefabrik. «Ich rieche gar nichts», sagt er. Die Gewöhnung sei längst eingetreten. Nur wenn er einige Tage auswärts war und nach Stettfurt zurückkehrt, nehme er die Hefe für einen kurzen Moment wahr.
«Der feine Geruch von Hefe ist wie das Markenzeichen von Stettfurt. Ob man die Hefe riechen kann, hängt unter anderem von der Windrichtung ab.»
Akzeptanz und persönliche Vorlieben
Patrizia, 52, sieht den Geruch als festen Bestandteil des Dorfes. «Es riecht hier regelmässig nach Hefe. Das gehört einfach zu Stettfurt», meint sie. Der Geruch stört sie nicht, da sie ihn nur in der Nähe der Fabrik wahrnimmt und zu Hause nicht riecht. Eine 38-jährige Bewohnerin äussert sogar eine positive Einstellung: «Ich mag den Geruch. Er erinnert mich ans Backen.» Sie weiss jedoch, dass ihre Schwester den Geruch als störend empfindet. Trotz ihrer positiven Assoziation hat sich auch sie noch nicht vollständig an den Geruch gewöhnt.
Hintergrundinformationen zur Geruchswahrnehmung
Die menschliche Nase ist ein komplexes Organ, das Tausende von Gerüchen erkennen kann. Die Wahrnehmung wird jedoch stark von individuellen Erfahrungen, Erinnerungen und sogar der emotionalen Verfassung beeinflusst. Was für den einen angenehm ist, kann für den anderen unangenehm sein.
Das Phänomen der olfaktorischen Adaption
Dr. Ingo Teudt, Hals-Nasen-Ohren-Arzt, erklärt das Phänomen der unterschiedlichen Geruchswahrnehmung mit der sogenannten olfaktorischen Adaption. «Wenn ein Geruch immer da ist, gewöhnt man sich daran. Das Gehirn adaptiert dann den Geruch», erläutert er. Dies sei ein Schutzmechanismus des Gehirns, um nicht ständig von unwichtigen Reizen überflutet zu werden.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Rauchmelder: Man bemerkt den Geruch einer vergessenen Pizza im Ofen nicht, weil der Geruch langsam intensiver wird und sich das Gehirn daran gewöhnt. Erst ein plötzlicher, starker Reiz oder das Verlassen und Wiederbetreten des Raumes macht den Geruch wieder wahrnehmbar. Wenn man einen Geruch längere Zeit nicht riecht, «vergisst» das Gehirn ihn und kann ihn danach neu bewerten.
Warum das Gehirn Gerüche ausblendet
Gerüche können Warnungen sein. Wenn ein bestimmter Geruch jedoch konstant wahrgenommen wird, stuft das Gehirn ihn als ungefährlich ein und blendet ihn aus. Dr. Teudt fasst es zusammen: «Das Gehirn meint dann, so schlimm kann es gar nicht sein, denn mir passiert ja nichts.»
Die persönliche Einstellung zum Geruch spielt ebenfalls eine Rolle. «Wer sich über einen Geruch aufregt oder ihn als störend empfindet, nimmt ihn länger wahr», so Dr. Teudt. «Wer einen Geruch hingegen akzeptiert, kann sich schneller an ihn gewöhnen.» Dies erklärt, warum Hans-Jörg, der in der Fabrik arbeitete, den Geruch kaum noch bemerkt, während Joanne, die den Geruch als «komisch» empfindet, sich nicht daran gewöhnen kann.
Die Hefe Schweiz AG berichtet, dass sich in der Vergangenheit Nachbarn aus umliegenden Häusern wegen des Geruchs gemeldet haben. Allerdings habe man seit über einem Jahr keine Beschwerden mehr erhalten. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich viele Anwohner – bewusst oder unbewusst – an das «Markenzeichen» von Stettfurt gewöhnt haben.





