Ein tragischer Fall am Universitätsspital Zürich (USZ) wirft Fragen über Arbeitsbedingungen und Fürsorgepflicht auf: Ein Arzt verstarb im Jahr 2021 im Alter von 64 Jahren, nachdem er 17 Jahre lang ohne einen einzigen freien Tag gearbeitet hatte. Dieser Fall, der in Japan als «Karoshi-Tod» bekannt ist, beleuchtet die extremen Belastungen im Schweizer Gesundheitswesen.
Wichtige Erkenntnisse
- Ein Arzt des Unispitals Zürich arbeitete 17 Jahre lang ohne Unterbrechung.
- Er starb 2021 im Alter von 64 Jahren mutmasslich an den Folgen extremer Überarbeitung.
- Ein Strafverfahren gegen die Klinikleitung wurde 2024 eingestellt.
- Der Fall wird als möglicher «Karoshi-Tod» in der Schweiz diskutiert.
Ein Leben im Dienst der Medizin
Urs Schwarz, ein renommierter Arzt am Unispital Zürich, widmete sein Leben der Medizin. Seine Karriere begann vielversprechend, und seine Vorgesetzten lobten ihn bereits 1994 als «regulären Assistenten weit überlegen». Diese Anerkennung führte dazu, dass ihm immer mehr Verantwortung übertragen wurde.
Mit zunehmender Erfahrung und Beliebtheit seiner Expertise verschrieb sich Schwarz vollständig seiner Arbeit. Er übertrug seine Ferientage auf andere Angestellte und stellte das Familienleben in den Hintergrund. Seine Frau berichtete, sie habe sich um alle privaten Angelegenheiten kümmern müssen. Gelegentlich nahm er seine Töchter mit ins Büro, die diese Besuche trotz der langen Arbeitsstunden ihres Vaters genossen.
Faktencheck
- 5500 Tage: So lange arbeitete Urs Schwarz ohne Unterbruch am Unispital Zürich.
- 380 Ferientage: Diese Anzahl an Ferientagen hatte Schwarz im Jahr 2016 angesammelt.
- Ein Drittel der Arbeitstätigen: So viele Schweizer geben an, über ihre Belastungsgrenze hinaus zu arbeiten.
Die physischen und psychischen Folgen der Überarbeitung
Die ununterbrochene Arbeit von Urs Schwarz forderte ihren Tribut. Seine Familie bemerkte zunehmend seine schlechte Laune nach langen Arbeitstagen. Seine Tochter Emilie erinnerte sich, dass sie ihm vorwarfen, kaum zu Hause zu sein. Trotzdem konnten sich die Töchter darauf verlassen, dass er sie stets abholte.
Auch Kollegen und die Spitalleitung registrierten die Veränderungen. Schwarz litt unter sichtbaren körperlichen Schmerzen und behandelte sich selbst mit starken Schmerzmitteln. Seine Frau beschrieb die Situation als «schrecklich», ihren Mann so krank zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass er unermüdlich weiterarbeitete.
«Ich wünschte, ich hätte ihn stoppen können, ich habe es immer wieder versucht.»
Frau von Urs Schwarz
Im Jahr 2016 hatte Schwarz beeindruckende 380 Ferientage angesammelt. Doch anstatt diese zu beziehen, vereinbarte die Klinikleitung, dass bis auf 30 Tage alle verfallen sollten. Die Besorgnis unter den Angestellten wuchs, und sie forderten Massnahmen zur Entlastung von Schwarz.
Der Zusammenbruch und die rechtlichen Schritte
Um das Jahr 2019 herum spitzte sich die Lage zu. Es kam zu einem Versuch, Schwarz wegen Arbeitsunfähigkeit zu entlassen. Er wehrte sich jedoch erfolgreich dagegen. Stattdessen wurde er zu 60 Prozent als arbeitsunfähig wegen Invalidität eingestuft. Die restlichen 40 Prozent durfte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter ohne Patientenkontakt weiterarbeiten.
Diese Entwicklung stürzte ihn in eine tiefe Krise. Die Invalidität vor der Pensionierung führte dazu, dass er seinen Anspruch auf das gesamte Kapital aus seiner Pensionskasse verlor. Ein Rechtsstreit folgte, der im Jahr 2020 zu einer Entschädigung von rund 740'000 Franken für entgangene Einkünfte, Genugtuung und Klinikaufenthalte führte.
Überarbeitung in der Schweiz
Das Phänomen der Überarbeitung ist in der Schweiz weit verbreitet. Laut Studien geben hierzulande jede dritte arbeitstätige Person an, über die eigene Belastbarkeit hinaus zu arbeiten. Besonders im Gesundheitswesen ist die Situation angespannt: Fast die Hälfte der Assistenz- und Oberärztinnen berichtete 2023, häufig oder meistens «ausgelaugt» zu sein.
Professor Achim Elfering von der Universität Bern, Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie, sieht die Ursache nicht nur in der zunehmenden Belastung, sondern auch im Mangel an Fachkräften bei gleichbleibendem Arbeitsaufkommen.
Das eingestellte Strafverfahren
Urs Schwarz starb im Juni 2021. Seine Töchter reichten kurz darauf Strafanzeige gegen den Klinikchef ein. Sie warfen ihm fahrlässige Tötung und fahrlässige schwere Körperverletzung vor. Der Angeklagte verteidigte sich mit dem Argument, Schwarz sei selbst für seinen Zustand verantwortlich gewesen. Er habe Arztbesuche stets abgelehnt und stattdessen zu «exzessiver Selbstmedikation» gegriffen.
Ende 2024 wurde das Verfahren eingestellt. Die Behörden kamen zu dem Schluss, dass Schwarz alle Bemühungen seines Arbeitgebers, ihm zu helfen, ausgeschlagen und sich «in keiner Weise helfen lassen» hatte. Dieser Fall wirft weiterhin wichtige Fragen über die Verantwortung von Arbeitgebern und die Selbstfürsorge von Arbeitnehmern auf, insbesondere in Berufen mit hoher Belastung.
Hilfsangebote bei psychischer Belastung
Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, psychisch belastet ist, finden Sie hier Unterstützung:
- Pro Mente Sana: Tel. 0848 800 858
- Kinderseele Schweiz: Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen
- Verein Postpartale Depression: Tel. 044 720 25 55
- Angehörige.ch: Beratung und Anlaufstellen
- Stand by you Schweiz: Helpline für Angehörige, Tel. 0800 840 400
- Dargebotene Hand: Sorgen-Hotline, Tel. 143
- Angst- und Panikhilfe Schweiz: Tel. 0848 801 109





