Eine umfassende Studie der Universität Zürich (UZH) in Zusammenarbeit mit männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen, beleuchtet erstmals repräsentative Daten zu Männlichkeitsbildern in der Schweiz. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Kluft zwischen jungen Männern und Frauen bei geschlechtsbezogenen Einstellungen und identifizieren einen sogenannten «Faktor M», der mit restriktiven Männlichkeitsvorstellungen und einem erhöhten Gewaltpotenzial einhergeht.
Wichtige Erkenntnisse
- Junge Männer (18-24 Jahre) zeigen die höchsten Werte für restriktiv-dominante Männlichkeitsbilder.
- Fast jeder dritte junge Mann in dieser Altersgruppe (31%) weist hohe «Faktor M»-Werte auf.
- Frauen vertreten in jedem Alter wesentlich häufiger egalitäre Geschlechtervorstellungen.
- «Faktor M» bündelt männliche Überlegenheitsansprüche, Frauenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft.
- Männer mit tieferem Bildungsniveau und geringerem Berufsstatus sind überproportional betroffen.
Junge Männer sehen «echte Männlichkeit» bedroht
Die Studie befragte über 6000 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren aus der gesamten Schweiz. Ein zentrales Ergebnis ist die Feststellung, dass gerade die jüngste männliche Altersgruppe, die 18- bis 24-Jährigen, am stärksten zu restriktiven und dominanten Männlichkeitsbildern neigt. Diese jungen Männer äussern sich besorgt, dass «richtige Männer» zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.
Interessanterweise stehen diese Ansichten im starken Kontrast zu denen junger Frauen. Diese vertreten in derselben Altersgruppe wesentlich häufiger offene und egalitäre Geschlechtervorstellungen. Diese Diskrepanz führt zu einer erheblichen Kluft in den Einstellungen zwischen den Geschlechtern in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter gleichen sich die Einstellungen zwar an, doch die Werte der Frauen bleiben durchweg tiefer.
Faktencheck
- 20 Prozent der befragten Männer und 7 Prozent der Frauen in der Schweiz zeigen hohe «Faktor M»-Werte.
- Bei den 18- bis 24-jährigen Männern erreicht dieser Wert sogar 31 Prozent.
- In der Deutschschweiz ist der «Faktor M» stärker ausgeprägt als in der West- und italienischsprachigen Schweiz.
Der «Faktor M»: Ein Bündel problematischer Einstellungen
Die Forschenden der UZH haben ein umfassendes Einstellungsmuster definiert, das sie als «Faktor M» bezeichnen. Dieses Muster fasst verschiedene restriktive Ansichten von Männlichkeit und Geschlechterbeziehungen zusammen. Denis Ribeaud, Kriminologe und Soziologe am Jacobs Center for Productive Youth Development der UZH und Studienleiter, erklärt die Bedeutung dieses Faktors.
«Faktor M steht für eine Haltung, die 'echte Männlichkeit' bedroht sieht, verbunden mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, der Verachtung sexueller Minderheiten und der Ablehnung von Gleichstellung», so Ribeaud. «Unsere Daten zeigen, dass all diese Einstellungen eng zusammenhängen und sich auf eine einzige gemeinsame Grundhaltung zurückführen lassen. Das ist eine wichtige neue Erkenntnis.»
Personen mit hohen «Faktor M»-Werten gelten als anfälliger für problematisches oder gewalttätiges Verhalten. Die Studie verdeutlicht, dass dieser Faktor in der jüngsten männlichen Kohorte besonders stark verbreitet ist. Fast jeder dritte Mann zwischen 18 und 24 Jahren gehört zur Gruppe mit den höchsten «Faktor M»-Werten.
Sozioökonomische Faktoren und regionale Unterschiede
Die Studie identifiziert klare sozioökonomische und geografische Muster. Männer mit einem tieferen Bildungsniveau, geringerem Berufsstatus und weniger Einkommen sind überproportional in der Gruppe mit hohen «Faktor M»-Werten vertreten. Bei den 18- bis 24-Jährigen mit Berufslehre gehört fast die Hälfte (47%) zu dieser Gruppe. Umgekehrt gilt: Je höher die Bildung und die privilegierten Perspektiven, desto tiefer sind die «Faktor M»-Werte.
Hintergrundinformation
Die vorliegende Studie ist die erste ihrer Art in der Schweiz, die repräsentative Daten zu Männlichkeitsbildern und geschlechtsbezogenen Einstellungen wissenschaftlich auswertet. Sie wurde von der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit männer.ch durchgeführt und liefert eine fundierte Basis für die gesellschaftliche Diskussion und Präventionsarbeit.
Auch regionale Unterschiede sind sichtbar: Der «Faktor M» ist in der Deutschschweiz stärker ausgeprägt als in der West- und italienischsprachigen Schweiz. Zudem tritt er häufiger in Agglomerations- und ländlichen Gemeinden auf als in Kernstädten.
Der Einfluss von Herkunft und familiären Strukturen
Männer, deren Väter ausserhalb der Schweiz in patriarchalen Strukturen geboren wurden, zeigen ebenfalls höhere «Faktor M»-Werte. Die Studienautoren erklären, dass solche Strukturen oft in Gesellschaften mit schwach ausgebildeten rechtsstaatlichen Institutionen entstehen. Diese Männer sind mit westlichen Gleichstellungsnormen oft weniger vertraut oder stehen ihnen reserviert gegenüber. Erleben sie in der Schweiz Ausgrenzung oder mangelnde Teilhabe, kann dies eine Gegenreaktion hervorrufen. Restriktiv-dominante Männlichkeit wird dann zu einem scheinbar verlässlichen Anker für das Selbstwertgefühl.
Auswirkungen auf Partnerschaft, Familie und Gewalt
Hohe «Faktor M»-Werte korrelieren mit traditionellen Rollenbildern in Familie und Partnerschaft. Frauen übernehmen in diesen Beziehungen häufiger den Grossteil der Care-Arbeit, während Männer öfter als Alleinverdiener auftreten. Solche Männer schreiben Vätern eine gänzlich andere Erziehungsrolle zu als Müttern und sind der Ansicht, dass Jungen anders erzogen werden müssen als Mädchen. Autoritäres Verhalten und Gewalt in der Kindererziehung werden von ihnen als legitim betrachtet.
Besonders alarmierend ist der Zusammenhang zwischen hohen «Faktor M»-Werten und der Wahrscheinlichkeit, in einer Partnerschaft Gewalt auszuüben oder zu erleiden.
«Faktor M erweist sich als konsistenter Risikofaktor für Gewalt in der Partnerschaft – und zwar in beide Richtungen und bei beiden Geschlechtern: Sowohl Männer als auch Frauen mit hohen Faktor-M-Werten berichten häufiger davon, in der Partnerschaft Gewalt ausgeübt, aber auch erlebt zu haben», betont Denis Ribeaud.
Dies ist kein Widerspruch, so Ribeaud. Wer männliche Dominanzansprüche, Geringschätzung von Frauen und Kontrollverhalten in Beziehungen als normal ansieht, hat ein höheres Risiko, auf beiden Seiten dieser Dynamik zu stehen. Bei leichter körperlicher Gewalt in Partnerschaften, wie Ohrfeigen oder Stossen, berichten Männer in der Studie überraschend häufiger von Gewalterfahrungen als Frauen. Es ist jedoch bekannt, dass Frauen wesentlich häufiger schwere, bis hin zu tödlicher Partnerschaftsgewalt erfahren und aufgrund der Machtverhältnisse andere, gravierendere Folgen erleiden.
Prävention und Lösungsansätze
Die Studienergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, gewaltbegünstigende Männlichkeitsvorstellungen gesellschaftlich zu thematisieren. Diese Auseinandersetzung sollte bereits im Schulalter beginnen.
«Die zentrale Präventionsbotschaft lautet: Es gibt nicht nur eine 'richtige' Form von Männlichkeit. Männlichkeit ist gestaltbar: Du kannst so oder anders Junge sein und Mann werden», erklärt Mitautor Markus Theunert, Co-Geschäftsleiter von männer.ch.
Für eine wirksame Prävention müssen Fachpersonen in pädagogischen und sozialen Berufen bereits in ihrer Ausbildung Kompetenzen zum Umgang mit dem «Faktor M» erhalten. Die Studie zeigt klar auf, dass Menschen mit vielfältigen Bildungs- und Berufsperspektiven restriktiven Männlichkeitsnormen seltener zustimmen. Daher wird für Präventionsansätze plädiert, die soziale Integration, Chancengerechtigkeit und die Reflexion über Geschlechterverständnis miteinander verbinden. Dies gilt insbesondere für junge Männer in schwierigen Lebenslagen.
Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist die frühzeitige Väterarbeit, die sowohl der Gleichstellung als auch der Gewaltprävention dient. Männer, die im Familienalltag präsent sind, wirken sich nicht nur positiv auf die emotionale und soziale Entwicklung ihrer Kinder aus, sondern auch auf deren schulischen Erfolg, so Theunert.
Die Forschenden planen weitere Analysen, um den Zusammenhang des «Faktor M» mit Mediennutzung (insbesondere der «Manosphere»), Freizeitverhalten, Gesundheit und Weltanschauungen zu untersuchen.





