Ein vierjähriges Forschungsprojekt unter der Leitung der Universität Zürich hat mithilfe von künstlicher Intelligenz neue Technologien entwickelt, um den Alltag von Menschen mit Behinderungen zu erleichtern. Mit einem Budget von 12 Millionen Franken wurden Lösungen für barrierefreie Informationen im Fernsehen, bei Behördenwarnungen und im Bildungsbereich geschaffen.
Das von der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse unterstützte Projekt namens «Inclusive Information and Communication Technologies» (IICT) wird Ende April abgeschlossen. Es vereinte Forschende von sechs Hochschulen mit Partnern aus der Wirtschaft und Verwaltung, um die digitale Teilhabe in der Schweiz zu stärken.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein nationales Forschungsprojekt hat KI-basierte Technologien für Menschen mit Behinderungen entwickelt.
- Das Projekt wurde mit 12 Millionen Franken über vier Jahre gefördert.
- Zu den Anwendungen gehören automatische Gebärdensprache für Wetterberichte und vereinfachte Texte für Warnmeldungen.
- Die Zusammenarbeit umfasste Hochschulen wie die UZH und ZHAW sowie Partner wie die SRG und Bundesämter.
Ein nationaler Effort für digitale Inklusion
Menschen mit Seh-, Hör- oder kognitiven Beeinträchtigungen stossen im digitalen Raum oft auf Hindernisse. Informationen sind für sie häufig nicht oder nur schwer zugänglich. Um diese Lücke zu schliessen, startete im März 2022 das Flagship-Projekt IICT mit dem Ziel, sprachbasierte Unterstützungstechnologien zu entwickeln und zu verbessern.
Geleitet wurde das Vorhaben von Sarah Ebling, Professorin am Institut für Computerlinguistik der Universität Zürich. Ihr Team arbeitete eng mit Forschenden der ZHAW und der Hochschule für Heilpädagogik sowie weiteren Institutionen zusammen. Die enge Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis war ein zentrales Merkmal des Projekts.
Wer war beteiligt?
Das Projekt brachte ein breites Konsortium zusammen. Auf Forschungsseite waren sechs Institutionen beteiligt, darunter die Universität Zürich und die ZHAW. Als Anwendungspartner fungierten unter anderem die SRG, der Schweizer Gehörlosenbund, die Zürich Versicherung und verschiedene Bundesämter, die die neuen Technologien in der Praxis testeten.
Von der Forschung in den Alltag
Das Projekt konzentrierte sich nicht auf theoretische Konzepte, sondern auf die Entwicklung konkreter, alltagstauglicher Lösungen. Die Ergebnisse sollen die Autonomie und Sicherheit von Menschen mit Behinderungen direkt verbessern.
Bessere Warnungen und verständlicheres Fernsehen
Ein Anwendungsbereich ist der Bevölkerungsschutz. Das zuständige Bundesamt arbeitete daran, offizielle Gefahrenmeldungen mittels KI in vereinfachte Sprache zu übersetzen. Diese können dann als Push-Nachrichten an Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen gesendet werden, um sie im Notfall schnell und verständlich zu informieren.
Auch im Medienbereich wurden Fortschritte erzielt. Die SRG-Tochter SwissTXT verfeinerte die automatische Erstellung von Audiodeskriptionen. Diese akustischen Beschreibungen schildern, was auf dem Bildschirm geschieht, und machen Sendungen wie den «Tatort» für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglicher.
Wetterbericht in Gebärdensprache
Beim Westschweizer Fernsehen RTS wurde ein Versuch gestartet, den Wetterbericht mithilfe eines KI-gesteuerten Avatars automatisch in Gebärdensprache zu übersetzen. Solche Technologien könnten in Zukunft helfen, Informationslücken für Gehörlose zu schliessen, insbesondere wenn menschliche Dolmetscher nicht verfügbar sind.
Herausforderungen und Erfolge der Zusammenarbeit
Die Koordination zwischen akademischer Forschung und den Anforderungen der Industriepartner war nicht immer einfach. «Die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie war teilweise sehr herausfordernd. Da galt es, vorausschauend die unterschiedlichen Erwartungen auszutarieren», erklärt Projektleiterin Sarah Ebling.
Trotz der unterschiedlichen Arbeitsweisen und Ziele sei die Kooperation jedoch gelungen. «Wir haben es überraschend gut geschafft», so Ebling. Sie führt den Erfolg auch darauf zurück, dass bereits vor dem Projekt langjährige Beziehungen zu einigen Partnern bestanden.
«Wichtig war uns auch, dass die Assistenztechnologien für Behinderte nur dort eingesetzt werden, wo die menschliche Hilfestellung nicht gewährleistet werden kann – also etwa, wenn es eine Gebärdendolmetscherin zum Beispiel spät am Abend bräuchte.»
Ein weiterer entscheidender Faktor war der konsequente Einbezug von Behindertenverbänden und Betroffenen. Ihr direktes Feedback floss kontinuierlich in die Entwicklung der Technologien ein, um sicherzustellen, dass die Lösungen den tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen.
Wie geht es weiter?
Mit dem Abschluss des Projekts Ende April 2026 ist die Arbeit nicht beendet. Die entwickelten Technologien sollen nun von den Umsetzungspartnern eigenständig weiterentwickelt und in ihre Dienste integriert werden. Parallel dazu plant das Team um Sarah Ebling bereits weitere Forschungsprojekte, um noch offene Fragen zu klären.
Um die Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, findet am 20. Januar 2026 eine öffentliche Abschlussveranstaltung in Bern statt. Dort werden konkrete Anwendungen demonstriert und grundlegende Fragen zur Behindertenpolitik diskutiert.
Die Universität Zürich engagiert sich auch über das Projekt hinaus für digitale Inklusion. Sie ist als erste Universität der «Allianz Digitale Inklusion Schweiz» (ADIS) beigetreten, einem Verbund, der sich für eine gerechte digitale Gesellschaft einsetzt. Für Professorin Ebling ist das ein wichtiger Schritt, doch sie sieht noch viel ungenutztes Potenzial: «Meine Vision wäre es beispielsweise, dass mehr Veranstaltungen an der UZH in Gebärdensprache gedolmetscht werden.»




