Der öffentliche Verkehr in der Schweiz steht vor grossen Herausforderungen. Eine steigende Zahl von Pensionierungen und der allgemeine Fachkräftemangel machen Postauto zu schaffen. Um dem entgegenzuwirken, setzt das Unternehmen verstärkt auf Quereinsteiger. Jährlich absolvieren rund 60 Personen eine intensive zweimonatige Ausbildung, um Postautofahrer zu werden. Diese Initiative sichert die Mobilität im Land und bietet neuen Berufschancen.
Wichtige Erkenntnisse
- Postauto bildet jährlich etwa 60 Quereinsteiger zu Postautofahrern aus.
- Die Ausbildung dauert zwei Monate und ist intensiv.
- Quereinsteiger kommen oft aus Gastronomie, Logistik und Detailhandel.
- Der öffentliche Verkehr kämpft mit einem Fachkräftemangel und einer Pensionierungswelle.
- Sozialkompetenz und Freude am Umgang mit Menschen sind entscheidend für den Beruf.
Ein Blick in die Ausbildung: Von der Sicherheit bis zur Fahrpraxis
Melinda Rengel, eine 42-jährige Quereinsteigerin, startet ihren Ausbildungstag im Depot in Winkel. Mit einer Taschenlampe überprüft sie sorgfältig den Unterboden eines gelben Postautos. Sie sucht nach auslaufenden Flüssigkeiten oder Fremdkörpern, die Schäden verursachen könnten. Diese Sicherheitskontrolle, die sogenannte Abfahrtskontrolle, ist ein wesentlicher Bestandteil des Berufs. Aktuell benötigt Rengel dafür etwa 40 Minuten. Ihr Fahrlehrer Latif Koca fordert sie auf, diese Zeit bis zum Ausbildungsende auf 15 Minuten zu reduzieren.
Die zweimonatige Ausbildung bei Postauto ist intensiv. Sie umfasst sowohl praktische Fahrstunden als auch theoretischen Unterricht. Ein typischer Ausbildungstag dauert acht Stunden. Das Ziel ist es, den Teilnehmern nicht nur das sichere Fahren grosser Fahrzeuge beizubringen, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Technik und die Sicherheitsvorschriften zu vermitteln.
Faktencheck: Quereinstieg in der Schweiz
- Mehr als ein Viertel der Schweizer Beschäftigten hat bereits die Branche gewechselt.
- Weitere 44 Prozent ziehen einen Quereinstieg in Betracht.
- Häufige Motive sind ein höherer Lohn oder die Suche nach einer sinnvolleren Tätigkeit.
Hintergrund des Quereinsteigerprogramms
Der Fachkräftemangel im öffentlichen Verkehr ist seit Jahren ein drängendes Problem. Bei Postauto kommt hinzu, dass viele langjährige Mitarbeiter in den nächsten Jahren in den Ruhestand treten werden. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, startete Postauto 2021 ein spezielles Quereinsteigerprogramm. Dieses Programm soll neue Talente anziehen und schnell für den Einsatz im Linienverkehr qualifizieren.
Die Bewerber kommen aus vielfältigen Berufsfeldern. Viele bringen Erfahrungen aus der Gastronomie, der Produktion, der Logistik oder dem Detailhandel mit. Auch interne Mitarbeiter der Post, beispielsweise aus Poststellen oder Verteilzentren, interessieren sich für eine Karriere als Postautofahrer. Die Akzeptanz für solche beruflichen Wechsel nimmt in der Gesellschaft zu, was dem Unternehmen zugutekommt.
„Bei Postauto treffe ich auf besondere Arbeitsbedingungen“, sagt Melinda Rengel. „Ich kann grosse Fahrzeuge lenken und habe es weiterhin mit Menschen zu tun.“
Melinda Rengel und Dario Petkovski: Neue Wege am Steuer
Melinda Rengel arbeitete zuvor sieben Jahre im Sicherheitsdienst am Flughafen Zürich. Der Wunsch, Busfahrerin zu werden, bestand schon länger. Ein Kollege machte sie auf das Quereinsteigerprogramm bei Postauto aufmerksam. Ihre Bewerbung war erfolgreich.
Dario Petkovski, 25 Jahre alt, ist ebenfalls ein Quereinsteiger. Er war zuvor im Detailhandel tätig. Für ihn ist der Beruf des Postautofahrers ein Kindheitstraum. Sein Grossvater war bereits Buschauffeur. „So eine Aussicht hatte ich früher nie“, sagt er lachend, während er das Postauto durch das Zürcher Unterland lenkt. Postauto übernimmt die kompletten Ausbildungskosten, was für viele eine grosse Motivation darstellt.
Fahrlehrer Latif Koca beobachtet seine Schüler genau. Er gibt präzise Anweisungen, lobt aber auch, wenn die Fahrmanöver gut sitzen. Koca hat seit 2018 Erfahrung in der Ausbildung von Postautofahrern. Er erkennt schnell, ob Kandidaten das nötige Talent und die Einstellung für diesen anspruchsvollen Beruf mitbringen.
Anforderungen an einen Postautofahrer
- Führerausweis Kategorie B oder C ist Voraussetzung.
- Eignungsprüfung in mindestens zwei Vorstellungsgesprächen.
- Hohe Sozialkompetenz und Freude am Umgang mit Menschen.
- Freundlichkeit und Serviceorientierung.
- Bereitschaft zu Wochenend- und Abenddiensten.
Herausforderungen im Stadtverkehr
Die Ausbildung wird im Laufe der Zeit anspruchsvoller. Melinda Rengel übt derzeit in Winterthur. Hier muss sie lernen, durch enge Kurven zu manövrieren und das Einspuren an Lichtsignalen korrekt auszuführen. Der Stadtverkehr stellt besondere Anforderungen an die Konzentration und das Raumgefühl. Ungeduldige Autofahrer im Gegenverkehr machen die Sache nicht einfacher.
„Mein Gefühl für die Geschwindigkeit und den Fahrrhythmus fehlt mir noch etwas“, räumt Rengel selbstkritisch ein. Fahrlehrer Koca beruhigt sie: „Das wird in einer Woche viel besser sein, glaube mir.“ Das Vertrauen und die Erfahrung des Fahrlehrers sind entscheidend, um den Schülern die nötige Sicherheit zu vermitteln. Nur so können sie später unfallfrei und zuverlässig die Fahrgäste befördern.
Gewerkschaftliche Perspektive und Arbeitsbedingungen
Die Gewerkschaft Syndicom begrüsst Quereinsteigerprogramme grundsätzlich als wichtige Massnahme gegen den Personalmangel. Sie betont jedoch, dass die Arbeitsbedingungen attraktiv sein müssen. Dazu gehören faire Löhne und angemessene Arbeitszeiten. Syndicom setzt sich auf allen Ebenen, von Gesamtarbeitsverträgen bis zur Ausgestaltung des Arbeitszeitgesetzes, für bessere Konditionen ein.
Der Beruf des Postautofahrers erfordert Flexibilität, auch hinsichtlich Arbeitszeiten am Wochenende und am Abend. Eine hohe Sozialkompetenz ist unerlässlich, da der Kontakt mit Fahrgästen zum Alltag gehört. Freundlichkeit und Servicebereitschaft sind hier ebenso wichtig wie das fahrerische Können.
Die Zukunft des öffentlichen Verkehrs
Nach mehreren Stunden Fahrtraining kehren Melinda Rengel und Dario Petkovski zum Depot zurück. Die Mittagspause ist verdient. Währenddessen startet der Motor eines weiteren gelben Busses. Es wird deutlich: Die Zukunft des öffentlichen Verkehrs hängt massgeblich von Menschen wie Melinda Rengel und Dario Petkovski ab. Sie sind es, die den Mut haben, eine neue berufliche Laufbahn einzuschlagen und uns sicher an unsere Ziele bringen. Ihr Engagement ist ein wichtiger Beitrag zur Aufrechterhaltung der Mobilität in der Schweiz.





