Das Kunst Museum Winterthur I Am Stadtgarten präsentiert eine einzigartige Ausstellung des britischen Künstlers Simon Starling. Seine Werke treten in einen Dialog mit historischen Meisterwerken und aktuellen Themen wie Nachhaltigkeit und Ökologie. Die Schau, kuratiert von Museumsdirektor Konrad Bitterli, beleuchtet Starlings faszinierende Herangehensweise an Kunst und ihre Verbindung zu Wissenschaft und Umwelt.
Wichtige Punkte
- Simon Starling kommuniziert mit Werken von Adolph Menzel und Caspar Wolf.
- Der Künstler legt Fokus auf Nachhaltigkeit, Ökologie und Ökonomie.
- Eine Skulptur am Eingang thematisiert Menzels Beidhändigkeit und Körpergrösse.
- Starlings Veloanhänger wird zum Installationsobjekt für Gletscherfotografien.
- Die Ausstellung stellt historische Kunstwerke in den Kontext des Klimawandels.
Ein Dialog mit der Kunstgeschichte
Simon Starling, geboren 1967, ist bekannt für seine kritische Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit und ökonomischen Prozessen. In Winterthur richtet er seinen Blick auf Meisterwerke der Kunst- und Kulturgeschichte. Er lässt alte und neue Kunstwerke miteinander sprechen, indem er sie neu interpretiert und in einen modernen Kontext stellt. Die Ausstellung zeigt, wie Inspiration aus der Vergangenheit neue Perspektiven auf aktuelle Herausforderungen eröffnen kann.
Eines der zentralen Themen ist die Kommunikation zwischen Starlings Arbeiten und den Werken von Künstlern wie Adolph Menzel und Caspar Wolf, die ebenfalls im Kunst Museum Winterthur vertreten sind. Starling nutzt diese historischen Referenzen, um seine eigenen Ideen zu Materialität, Transformation und dem Lauf der Zeit zu entwickeln. Diese Methode schafft eine Brücke zwischen Epochen und Stilen, die den Betrachter zum Nachdenken anregt.
Faktencheck: Adolph Menzel
Adolph Menzel (1815-1905) war ein deutscher Maler, der für seine realistische Darstellung des Alltagslebens und seine historischen Gemälde bekannt ist. Er galt als ambidexter, was bedeutet, dass er mit beiden Händen gleich geschickt arbeiten konnte. Menzels Körpergrösse betrug lediglich 137 Zentimeter.
Menzel neu interpretiert: Beidhändigkeit und Präsenz
Besonders fasziniert zeigt sich Starling vom Maler Adolph Menzel. Eine Skulptur am Museumseingang trägt den langen Titel: The Artist, Wearing a Mask of Adolph Menzel, Holds Plaster Casts of the Ambidextrous German Painter’s Left and Right Hands. Diese Arbeit ist eine direkte Hommage an Menzels besondere Fähigkeit, beidhändig zu malen.
Die abstrakte Stahlfigur hat Starlings eigene Grösse, trägt aber eine Maske Menzels auf Brusthöhe. Dies ist ein subtiler Hinweis auf Menzels geringe Körpergrösse von 137 Zentimetern. Die aus Leder geformten Hände der Figur halten Gipsabgüsse von Menzels Händen. Diese Abdrücke entstanden noch zu Lebzeiten des Malers. In der rechten Hand hält die Skulptur einen Pinsel, in der linken einen Zimmermannsbleistift. Dieses Arrangement symbolisiert Menzels Vielseitigkeit und sein handwerkliches Geschick.
"Starlings Arbeit mit Menzel ist eine tiefgründige Verneigung vor einem Meister der Vergangenheit, die gleichzeitig neue Fragen zur Kunstproduktion und zur Rolle des Künstlers aufwirft."
Das Atelierfenster als Zeitreise
Das Kunst Museum Winterthur besitzt mehrere Werke von Adolph Menzel, darunter die Ölskizze Ritterstrasse 43. Dieses Bild zeigt den Ausblick aus Menzels Atelierfenster in Berlin. Simon Starling liess dieses Werk hochauflösend in 3D einscannen, einschliesslich des Rahmens mit Wurmlöchern.
Ein monumentales, dreidimensionales Faksimile dieses Bildes, 229 x 330 x 37 Zentimeter gross, steht eingespannt zwischen Decke und Boden frei im Ausstellungsraum. Ein kleineres Faksimile wird mit einer Fotografie des heutigen Ausblicks von Menzels Atelierfenster kombiniert. Diese Gegenüberstellung ermöglicht eine visuelle Zeitreise und zeigt, wie sich ein Stadtbild über anderthalb Jahrhunderte verändert hat, während das künstlerische Motiv bestehen bleibt.
Der Veloanhänger und der Gletscherschwund
Starling ist ein passionierter Fahrradfahrer. Viele seiner Werke sind mit dem Zurücklegen von Distanzen verbunden. In der Installation One Ton III (A Restoration Project / after Jules Beck) spielt sein selbstkonstruierter Veloanhänger eine zentrale Rolle. Mit diesem Anhänger transportierte Starling mehrere Abzüge historischer Gletscheraufnahmen des Schweizer Fotografen Jules Beck (1825-1904) aus dem Jahr 1879.
Die Fotos wurden vom ALPS Alpinen Museum der Schweiz in Bern ins Engadin gefahren. Dort waren sie 2024 Teil der Ausstellung Schau, wie der Gletscher schwindet. Für die Winterthurer Ausstellung transformierte Starling diesen multifunktionalen Anhänger. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft wurde er zu einem Präsentationsständer für die ausgestellten Prints umfunktioniert. Der Rest des Anhängers, inklusive Fahrrad, ist Teil der Installation.
Hintergrund: Jules Beck und die Gletscher
Jules Beck war ein Schweizer Fotograf, der im späten 19. Jahrhundert die Schweizer Alpen und ihre Gletscher dokumentierte. Seine Aufnahmen sind heute wertvolle Zeitdokumente, die den dramatischen Rückgang der Gletscher im Kontext des Klimawandels sichtbar machen.
Gletscherdarstellungen im Kontext des Klimawandels
Starling stellt die historischen Gletscherfotografien von 1879 in einen Dialog mit den ältesten Gletscherdarstellungen Schweizer Maler. Dazu gehören Werke von Felix Meyer (1653-1713), Caspar Wolf (1735-1783) und Johann Heinrich Wüest (1741-1821). Diese Gemälde, normalerweise als reine Kunstwerke betrachtet, erhalten in Starlings Installation eine neue Bedeutung.
Sie werden zu Zeugen des Klimawandels und des Gletscherschwundes, der sich seit über dreihundert Jahren vollzieht. Die Installation verdeutlicht auf eindringliche Weise, wie sich die Landschaft verändert hat. Sie regt dazu an, über die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt nachzudenken. Starlings Arbeit verbindet somit Kunst, Geschichte und Wissenschaft zu einem wichtigen Kommentar zur aktuellen Klimakrise.
Die Ausstellung läuft bis zum 5. Juli 2026 im Kunst Museum Winterthur I Reinhart am Stadtgarten. Eine begleitende Broschüre bietet weitere Einblicke in Starlings Werke und seine Inspirationen.





