Das Spital Bülach im Kanton Zürich hat ein innovatives Arbeitszeitmodell für sein Pflegepersonal eingeführt. Dieses Modell bietet den Mitarbeitenden mehr Flexibilität und sorgt gleichzeitig für eine deutliche Reduzierung der Personalfluktuation und der Krankheitsraten. Die erfolgreiche Umsetzung hat das Spital zu einem Vorreiter in der Branche gemacht.
Wichtige Erkenntnisse
- Das Spital Bülach hat ein flexibles Arbeitszeitmodell für die Pflege eingeführt.
- Die Fluktuation des Pflegepersonals sank von 18 auf 5 Prozent.
- Die Anzahl der Temporäreinsätze reduzierte sich drastisch von 850 auf 30 pro Jahr.
- Mitarbeitende erhalten Zulagen von bis zu 350 Franken monatlich für höhere Flexibilität.
- Das Modell wird nun auf weitere Abteilungen wie Hebammen und Röntgen ausgeweitet.
Ein innovativer Ansatz für die Pflege
Das Spital Bülach stand wie viele andere Gesundheitseinrichtungen vor der Herausforderung, qualifiziertes Pflegepersonal zu finden und zu halten. Hohe Fluktuation und der Einsatz teurer temporärer Kräfte waren die Folge. Manuel Portmann, der HR-Leiter des Spitals, suchte nach einer nachhaltigen Lösung. Er erinnerte sich an ein Modell, das er vor 30 Jahren in einer Autobahnraststätte erfolgreich implementiert hatte.
Im Jahr 2022, als Portmann seine Stelle antrat, war die Situation kritisch. Der Fachkräftemangel in der Pflege war spürbar. Das neue Modell sollte die Arbeitsbedingungen verbessern und gleichzeitig die Kosten senken. Es basiert auf einem System, das die Flexibilität der Mitarbeitenden belohnt.
Fakten zum Modell Bülach
- Fluktuation: Von 18% auf 5% gesunken.
- Temporäreinsätze: Von 850 auf 30 pro Jahr reduziert.
- Monatliche Zulagen: Bis zu 350 Franken für maximale Flexibilität.
Vier Stufen der Flexibilität
Das Kernstück des neuen Arbeitszeitmodells sind vier unterschiedliche Stufen, in denen die Pflegefachpersonen arbeiten können. Diese reichen von «fix» bis «superflex». Jede Stufe bietet unterschiedliche Freiheitsgrade bei der Dienstplanung und der Bereitschaft, Nachtdienste oder spontane Einsätze zu übernehmen.
Wer sich für die «fixe» Stufe entscheidet, hat feste Arbeitstage und keine Nachtdienste. Im Gegensatz dazu übernehmen «superflexible» Mitarbeitende Nachtdienste und müssen bis zu 18 Mal pro Jahr für kurzfristige Einsätze verfügbar sein. Der Grundlohn bleibt in allen Modellen gleich, jedoch erhalten die flexibleren Stufen monatliche Zulagen.
«Fluktuation und Krankenrate sind jetzt viel tiefer, zudem haben wir viel weniger teure Temporäreinsätze.»
Finanzielle Anreize und Mitarbeitenden-Beteiligung
Die Zulagen variieren von 0 Franken für die «fixe» Stufe bis zu 350 Franken pro Monat für die «superflexible» Stufe. Diese finanziellen Anreize machen das Modell für viele attraktiv. Trotz der zusätzlichen Kosten für die Zulagen rechnet sich das System für das Spital. Die Einsparungen durch weniger Temporäreinsätze und eine geringere Krankenrate übersteigen die Ausgaben für die Zulagen.
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg war die Einbindung der Mitarbeitenden. Manuel Portmann betonte, dass die anfängliche Skepsis durch eine genaue Abklärung der Bedürfnisse und die Beteiligung der Betroffenen überwunden werden konnte. Die Pflegenden können alle drei Monate ihre Stufe wechseln, um sie an ihre aktuelle persönliche Situation anzupassen.
Hintergrund zur Pflegeinitiative
Die Pflegeinitiative, vom Volk angenommen, fordert bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung für Pflegefachpersonen in der Schweiz. Das Modell in Bülach zeigt, dass Spitäler auch eigenständig innovative Wege gehen können, um diese Ziele zu erreichen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Messbare Erfolge und positive Auswirkungen
Die Zahlen sprechen für sich: Die Personalfluktuation im Spital Bülach ist von 18 Prozent auf nur noch 5 Prozent gesunken. Die Anzahl der Temporäreinsätze, die früher bei 850 pro Jahr lag, ist auf lediglich 30 geschrumpft. Diese drastische Reduzierung bedeutet nicht nur finanzielle Erleichterung, sondern auch eine stabilere Teamzusammensetzung und höhere Versorgungsqualität.
Das Spital Bülach konnte seine Attraktivität als Arbeitgeber erheblich steigern. Es gab seit der Einführung des Modells keinen einzigen Fall, in dem Betten wegen Personalmangels gesperrt werden mussten. Dies ist in der aktuellen Gesundheitslandschaft, die oft von Engpässen geprägt ist, eine bemerkenswerte Leistung.
Die Investition in das flexible Arbeitszeitmodell hat sich bereits im ersten Jahr ausgezahlt. Trotz der Mehrkosten für die Zulagen konnte das Spital unter dem Strich ein Plus verzeichnen. Dies liegt an den geringeren Ausgaben für Temporärpersonal und den reduzierten Krankheitsfällen.
Blick in die Zukunft und über die Branche hinaus
Der Erfolg des Bülacher Modells hat weit über die Kantonsgrenzen hinaus Beachtung gefunden. Manuel Portmann berichtet von Anfragen aus verschiedenen Branchen, die ebenfalls rund um die Uhr arbeiten müssen. Flughäfen, Justizvollzugsanstalten, Produktionsbetriebe und sogar Luxus-Ferienresorts zeigen Interesse an dem Konzept.
In Bülach selbst wird das Modell weiter ausgebaut. Nach den Pflegeberufen profitieren nun auch die Hebammen und die Mitarbeitenden der Röntgenabteilung von den flexiblen Arbeitsbedingungen. Dies unterstreicht die Überzeugung des Spitals, dass dieser Ansatz nachhaltig zur Mitarbeiterzufriedenheit und Effizienz beiträgt.
Trotz des Erfolgs steht Portmann der Umsetzung der zweiten Etappe der Pflegeinitiative kritisch gegenüber, insbesondere wenn sie landesweit einheitliche Arbeitsbedingungen vorschreiben sollte. Er glaubt, dass jeder Betrieb sein eigenes, optimales Modell finden muss, anstatt auf eine Einheitslösung zu setzen. Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachpersonen, sieht das Bülacher Modell zwar positiv, betont aber die Notwendigkeit gesetzlicher Bestimmungen und staatlicher Investitionen, um Pflegekräfte langfristig im Beruf zu halten.
Das Beispiel Bülach zeigt, dass innovative und auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden zugeschnittene Lösungen einen grossen Unterschied machen können. Es ist ein Beweis dafür, dass Flexibilität und Wertschätzung nicht nur die Arbeitszufriedenheit steigern, sondern auch wirtschaftliche Vorteile für die Arbeitgeber bringen können.





