Ein Forschungsteam der Universität Zürich und des Universitätsspitals Zürich hat einen neuartigen Ansatz zur Behandlung des Glioblastoms, des aggressivsten Hirntumors bei Erwachsenen, entwickelt. Durch den Einsatz von körpereigenen Immunzellen als Transportmittel für Medikamente konnten in Laborversuchen vielversprechende Ergebnisse erzielt werden. Diese Innovation könnte die Therapie für Betroffene grundlegend verändern.
Die Forschenden nutzten eine List des Tumors gegen ihn selbst: Sie beluden Fresszellen des Immunsystems, sogenannte Makrophagen, mit einem hochwirksamen Krebsmedikament. Da der Tumor diese Zellen aktiv anzieht, transportieren sie den Wirkstoff direkt ins Zentrum des Krebsgeschehens. Für diese bahnbrechende Arbeit wurden die Wissenschaftler mit dem renommierten Pfizer Forschungspreis 2026 ausgezeichnet.
Das Wichtigste in Kürze
- Neuer Ansatz: Forschende der UZH und des USZ nutzen Immunzellen (Makrophagen) als „trojanische Pferde“, um Medikamente gezielt zu Hirntumoren zu transportieren.
- Zielkrankheit: Die Methode zielt auf das Glioblastom ab, den häufigsten und aggressivsten bösartigen Hirntumor bei Erwachsenen mit geringen Überlebenschancen.
- Vielversprechende Resultate: In präklinischen Modellen zeigte die Therapie eine starke Antitumorwirkung und verlängerte das Überleben signifikant.
- Doppelter Effekt: Die Behandlung zerstört nicht nur Tumorzellen direkt, sondern aktiviert auch eine langanhaltende Immunantwort gegen den Krebs.
- Auszeichnung: Das Team um Tobias Weiss und Miaomiao Sun erhielt für seine Forschung den Pfizer Forschungspreis 2026.
Die Herausforderung Glioblastom
Das Glioblastom gilt als eine der am schwierigsten zu behandelnden Krebsarten. Trotz Fortschritten in Chirurgie, Strahlen- und Chemotherapie sind die Prognosen für Patientinnen und Patienten nach wie vor schlecht. Die durchschnittliche Überlebenszeit nach der Diagnose beträgt oft nur etwas mehr als ein Jahr.
Ein zentrales Problem ist die sogenannte Blut-Hirn-Schranke. Diese natürliche Barriere schützt das Gehirn vor Krankheitserregern und Giftstoffen, hindert aber auch viele Krebsmedikamente daran, den Tumor in ausreichender Konzentration zu erreichen.
Was ist ein Glioblastom?
Das Glioblastom ist der häufigste bösartige hirneigene Tumor bei Erwachsenen. Er zeichnet sich durch ein sehr schnelles und infiltratives Wachstum aus, was eine vollständige chirurgische Entfernung nahezu unmöglich macht. Die Tumorzellen dringen tief in das gesunde Hirngewebe ein.
Eine weitere Eigenschaft des Glioblastoms macht die Behandlung kompliziert: Der Tumor manipuliert seine Umgebung aktiv zu seinem Vorteil. Er sendet Signale aus, die bestimmte Immunzellen, insbesondere Makrophagen, anlocken. Anstatt den Tumor zu bekämpfen, werden diese Zellen vom Krebs „umprogrammiert“ und unterstützen sein Wachstum und seine Ausbreitung.
Ein trojanisches Pferd für den Tumor
Genau diesen Mechanismus machte sich das Zürcher Forschungsteam zunutze. Unter der Leitung des Neurologen PD Dr. Dr. Tobias Weiss und der Biologin Dr. Miaomiao Sun wurde eine Strategie entwickelt, die den Spieß umdreht.
Die Idee: Wenn der Tumor Makrophagen anzieht, warum diese nicht als gezieltes Liefersystem für Medikamente verwenden? „Wir nutzen quasi die Taktik des Tumors gegen ihn selbst“, erklärt ein an der Studie beteiligter Forscher. „Die Makrophagen dienen als trojanisches Pferd, das die tödliche Fracht direkt hinter die feindlichen Linien schmuggelt.“
So funktioniert die Methode
Das Team modifizierte Makrophagen im Labor so, dass sie ein starkes Krebsmedikament namens MMAE aufnehmen und transportieren können. Diese beladenen Immunzellen wurden anschließend in verschiedenen Glioblastom-Modellen getestet, sowohl in Zellkulturen als auch in Mäusen.
Wie erhofft, wanderten die medikamentenbeladenen Makrophagen gezielt zum Tumor im Gehirn. Dort angekommen, gaben sie den Wirkstoff MMAE direkt an die Krebszellen ab und lösten deren Zerstörung aus.
Zweifacher Angriff auf den Krebs
Der neue Ansatz wirkt auf zwei Ebenen: Zum einen zerstört das transportierte Medikament die Tumorzellen direkt. Zum anderen löst der Zellzerfall eine starke und anhaltende Immunreaktion aus. Das körpereigene Abwehrsystem wird alarmiert und beginnt, den Tumor selbstständig zu bekämpfen.
Überzeugende Ergebnisse in präklinischen Studien
Die Resultate der Versuche waren beeindruckend. In den präklinischen Modellen zeigte die Therapie eine starke Antitumorwirkung. Die Behandlung führte zu einer signifikanten Verlangsamung des Tumorwachstums und verlängerte das Überleben der tumortragenden Mäuse erheblich.
Besonders bemerkenswert war der Langzeiteffekt: Bei einem Teil der behandelten Mäuse konnte eine dauerhafte Tumorkontrolle erreicht werden. Dies deutet darauf hin, dass die ausgelöste Immunantwort stark genug war, um ein Wiederauftreten des Tumors zu verhindern – eine Art Impfeffekt gegen den Krebs.
„Die Kombination aus direkter Tumorzerstörung und der Aktivierung des Immunsystems eröffnet eine vielversprechende neue therapeutische Perspektive für Patientinnen und Patienten mit Glioblastom.“
Diese Ergebnisse zeigen das Potenzial der zellbasierten Therapie, die Wirksamkeit der Behandlung zu steigern und gleichzeitig die Nebenwirkungen zu reduzieren, da das Medikament gezielt am Wirkort freigesetzt wird.
Anerkennung durch Pfizer Forschungspreis
Die Bedeutung dieser Forschungsarbeit, die in Kooperation mit Magdalena Krol und Maciej Bialasek vom Biotech-Unternehmen Cellis und der Universität Warschau durchgeführt wurde, wurde nun auch offiziell gewürdigt. Das Team um Tobias Weiss und Miaomiao Sun erhält einen der renommierten Pfizer Forschungspreise 2026.
Der Preis, der seit 1992 vergeben wird, zeichnet herausragende wissenschaftliche Leistungen in der medizinischen Forschung in der Schweiz aus. In diesem Jahr wurden zwölf Forschende aus Basel, Fribourg, Genf, Lausanne und Zürich geehrt. Das Preisgeld von insgesamt 100’000 Franken wird in den Kategorien Onkologie, Infektionskrankheiten/Immunologie und erstmals auch Digitale Gesundheit vergeben.
Die Auszeichnung unterstreicht das innovative Potenzial des Zürcher Ansatzes und gibt Hoffnung, dass diese neue Strategie in Zukunft die Behandlungsmöglichkeiten für eine der tödlichsten Krebsarten verbessern könnte. Der nächste Schritt wird sein, die Sicherheit und Wirksamkeit der Methode für den Einsatz am Menschen zu prüfen.





