Fast fünf Jahre nach dem Tod des Winterthurer Immobilienpioniers Robert Heuberger ist ein erbitterter Streit um sein millionenschweres Erbe entbrannt. Die drei Kinder des Patriarchen können sich nicht einigen, nun landet der Familienkonflikt vor dem Bezirksgericht Winterthur. Im Zentrum steht der Vorwurf der Tochter, ihre Brüder würden den wahren Wert des Unternehmens verschleiern.
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf eine der einflussreichsten Familien der Stadt und legt offen, wie die Nachfolgeregelung eines Patriarchen zu tiefen Gräben führen kann. Es geht um Transparenz, Geld und die Frage, wie ein Lebenswerk gerecht aufgeteilt werden soll.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Geschwister der Winterthurer Immobilienfamilie Heuberger streiten vor Gericht um das Erbe ihres Vaters Robert Heuberger.
- Tochter Marion Maurer-Heuberger wirft ihren Brüdern vor, den Wert der Familienfirma Siska Immobilien AG zu tief anzusetzen und Informationen zurückzuhalten.
- Der Streitwert ist unklar, doch das Vermögen der Familie wird auf 250 bis 300 Millionen Franken geschätzt.
- Im März wird der Fall vor dem Bezirksgericht Winterthur verhandelt, eine gütliche Einigung scheint ausgeschlossen.
Ein Imperium vor Gericht
Was intern begann, wird nun öffentlich vor Gericht ausgetragen. Marion Maurer-Heuberger, die jüngste Tochter des 2019 verstorbenen Robert Heuberger, hat den Rechtsweg beschritten. Sie fordert von ihren Brüdern Günter und Rainer Heuberger vollständige Transparenz über die Finanzen des Familienunternehmens.
Der Kern des Konflikts ist die Bewertung der Siska Immobilien AG, dem Herzstück des Heuberger-Imperiums. Maurer-Heuberger ist überzeugt, dass der Wert der Firma in den Büchern systematisch kleingerechnet wurde. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Höhe ihres Pflichtteils, also des gesetzlich garantierten Mindesterbteils.
Seit Jahren verlangt die gelernte Fachfrau für Finanz- und Rechnungswesen Einsicht in die relevanten Unterlagen, um eine unabhängige Bewertung vornehmen zu können. Da ihre Brüder dies verweigern, bleibt ihr nur der Gang vor das Bezirksgericht Winterthur, das im kommenden März über den Fall entscheiden muss.
Das Erbe des Patriarchen Robert Heuberger
Robert Heuberger, oft als «Winterthurer Immobilienkönig» bezeichnet, war eine prägende Figur der Stadt. Er gründete die Siska Heuberger bereits 1954 und baute sie über sechs Jahrzehnte zu einem bedeutenden Immobilienportfolio aus. Zu den bekanntesten Objekten im Besitz der Familie gehören das Einkaufszentrum Neuwiesen und das Hotel Banana City.
Wer war Robert Heuberger?
Robert Heuberger galt als Unternehmer alter Schule. Er begann klein und schuf durch strategische Zukäufe und Entwicklungen ein Imperium. Bis ins hohe Alter von 95 Jahren stand er auf der Liste der 300 reichsten Schweizer des Wirtschaftsmagazins «Bilanz». Sein erklärtes Ziel war es stets, sein Lebenswerk ungeteilt für die nächste Generation zu erhalten.
Noch zu Lebzeiten traf er Vorkehrungen für seine Nachfolge. Er wollte Stabilität und eine klare Führungsstruktur. Sein ältester Sohn, Günter Heuberger, übernahm die operative Leitung der Siska Immobilien AG. Der mittlere Sohn, Rainer Heuberger, wurde Eigentümer der separaten Siska Verwaltungsgesellschaft. Die Tochter, Marion Maurer-Heuberger, erhielt keine Unternehmensanteile und wurde, wie ihr Bruder Rainer, auf den Pflichtteil gesetzt.
Ein veraltetes Frauenbild als Ursache?
Warum wurde die Tochter bei der direkten Unternehmensnachfolge übergangen? Marion Maurer-Heuberger sieht darin nicht nur den Wunsch des Vaters, die Firma zusammenzuhalten. Sie äusserte sich öffentlich dazu, dass die traditionelle Denkweise ihres Vaters eine entscheidende Rolle gespielt haben dürfte.
«Mein Vater hat den Sprung zu einem modernen Frauenbild nie geschafft. Das mag eine Rolle gespielt haben.»
- Marion Maurer-Heuberger
Diese Aussage deutet auf tiefere familiäre Spannungen hin, die nun im Erbstreit an die Oberfläche kommen. Es geht nicht nur um Zahlen und Bewertungen, sondern auch um die Anerkennung und Gleichbehandlung innerhalb der Familie.
Der Streit um den wahren Wert
Die Frage, wie viel das Heuberger-Imperium tatsächlich wert ist, ist der zentrale Zankapfel. Die Schätzungen des Familienvermögens schwankten in den letzten Jahren erheblich, was die Komplexität der Bewertung unterstreicht.
Vermögen im Wandel
- Vor ca. 10 Jahren: Schätzung bei rund 500 Millionen Franken
- 2017: Ausgewiesen mit 300 Millionen Franken
- 2018: Nur noch 100 bis 150 Millionen Franken
- Heute: Aktuelle Schätzung liegt bei 250 bis 300 Millionen Franken
Diese starken Schwankungen sind ein zentrales Argument im Streit. Marion Maurer-Heuberger vermutet, dass der Wert künstlich gedrückt wird, um ihren Erbanteil zu minimieren.
Ihr Bruder Günter Heuberger, der die Firma leitet, widerspricht diesen Vorwürfen vehement. Er argumentiert, dass frühere Bewertungen zu optimistisch gewesen seien. Zudem seien in den letzten Jahren massive Investitionen in den Unterhalt und die Sanierung der Liegenschaften geflossen. Notwendige Modernisierungen seien lange aufgeschoben worden und hätten nun Milliardenbeträge erfordert, was den aktuellen Wert der Immobilien realistischer darstelle.
Ein offener Ausgang vor Gericht
Wer am Ende Recht bekommt, ist völlig offen. Das Gericht wird nun Gutachten prüfen und Bilanzen analysieren müssen, um den fairen Wert des Unternehmensvermögens zum Zeitpunkt des Todes von Robert Heuberger festzustellen. Der Prozess verspricht, kompliziert und langwierig zu werden.
Klar ist jedoch schon jetzt: Der Streit um das Erbe hat die Familie Heuberger tief gespalten. Der Konflikt zeigt exemplarisch, wie schwierig die Übergabe von grossen Familienvermögen sein kann, insbesondere wenn traditionelle Vorstellungen auf moderne Erwartungen an Gleichberechtigung und Transparenz treffen. Der Fall wird die Stadt Winterthur und die Schweizer Wirtschaftswelt noch länger beschäftigen.





