Mehrere Frauen berichten von negativen Erfahrungen mit Online-Fitness-Coachings. Sie schildern, wie sie durch schnelle Verkaufsgespräche zu teuren Verträgen über mehrere tausend Franken überredet wurden, die sich später nur schwer oder gar nicht kündigen liessen. Das betroffene Unternehmen Fit on Time steht wegen dieser Praktiken in der Kritik.
Wichtige Erkenntnisse
- Kunden berichten von schnellen Vertragsabschlüssen für Online-Fitness-Coachings zu hohen Preisen.
- Verträge von Fit on Time sind nur aus "wichtigem Grund" kündbar, was oft nicht anerkannt wird.
- Das Programm basiert hauptsächlich auf einer App, was für weniger technikaffine Nutzer Schwierigkeiten bereitet.
- In der Schweiz gibt es kein allgemeines Widerrufsrecht für Konsumenten bei Online-Käufen.
- Experten raten in solchen Fällen oft zur Akzeptanz von Stornogebühren, um weitere Kosten zu vermeiden.
Der schnelle Weg zum Fitness-Abo und die Ernüchterung
Hannah Baier, deren Name geändert wurde, erlebte eine solche Situation. Sie wurde durch Onlinewerbung auf das Angebot von Fit on Time aufmerksam. Ein Telefonat mit einem Verkäufer führte schnell zu einem Vertragsabschluss. Noch am selben Tag buchte sie ein sechsmonatiges Coachingpaket für 4300 Franken – mit nur einem Klick.
Die Ernüchterung folgte kurz darauf. Das Programm, das personalisierte Betreuung in den Bereichen Training, Ernährung und mentale Gesundheit verspricht, basiert fast ausschliesslich auf einer App. Frau Baier, die sich selbst als digital wenig versiert beschreibt und zusätzlich körperlich eingeschränkt ist, hatte erhebliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung.
Faktencheck: Online-Coaching-Kosten
Online-Fitness-Coachings können je nach Umfang und Dauer stark variieren. Preise von mehreren tausend Franken für ein sechsmonatiges Programm sind im oberen Segment angesiedelt und werden oft mit intensiver persönlicher Betreuung begründet.
Knapp zwei Wochen nach Vertragsabschluss bat sie um eine Auflösung. Die Firma lehnte dies jedoch ab. Laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) sei eine Kündigung nur aus einem "wichtigen Grund" möglich. Die Schwierigkeiten von Frau Baier mit der App wurden von Fit on Time nicht als solcher anerkannt.
Fit on Time verteidigt sein Angebot und die Kosten
Gegenüber Medien betonte Fit on Time, dass sie die technische Versiertheit ihrer Kunden aktiv prüfen und umfassend über das Angebot aufklären würden. Bei technischer Überforderung im Onboarding-Prozess biete die Firma auch analoge Alternativen an.
Die hohen Kosten des Coachings erklärt das Unternehmen mit dem Aufwand für die intensive Betreuung, die über ein klassisches Fitnessabonnement hinausgehe. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte:
"Vergleichbar ist unser Angebot mit der Betreuung durch einen Personal Trainer sowie persönlicher Ernährungs- und Gesundheitsberatung."Die Firma wirbt zudem mit einer "kostenlosen Analyse", um potenzielle Kunden anzulocken.
Wichtiger Unterschied: Coaching oder Kurs?
Rechtlich ist es entscheidend, ob ein Online-Angebot als Coaching-Auftrag oder als Kurs eingestuft wird. Ein Auftrag kann in der Regel jederzeit gekündigt werden, während ein Kurs meist nicht kündbar ist und die volle Bezahlung erfordert, sobald der Zugang gewährt wurde. Dies ist im Online-Geschäft üblich.
Kündigungsversuche und Betreibungen
Im Fall von Hannah Baier bot das Unternehmen zunächst eine Vertragsauflösung gegen eine "Kulanzmassnahme" von 800 Franken an. Diese Forderung erhöhte sich später auf 1400 Franken. Frau Baier weigerte sich, diesen Betrag zu zahlen, da sie der Meinung war, keine Leistungen in dieser Höhe erhalten zu haben.
Kurz darauf erhielt sie eine Betreibung über 5000 Franken. Dies zeigt die finanziellen Konsequenzen, die solche Verträge für Konsumenten haben können, wenn sie in einen Konflikt geraten.
Kein Einzelfall: Ähnliche Erfahrungen bei anderen Kunden
Hannah Baier ist kein Einzelfall. Berichte der SRF-Sendung "Kassensturz" zeigen, dass zahlreiche andere Frauen ähnliche Erfahrungen mit Fit on Time gemacht haben. Auch bei Beratungsstellen gehen immer wieder Beschwerden über das Unternehmen ein.
Diese wiederholten Meldungen deuten auf ein systematisches Problem in der Vertragsgestaltung und Kundenbetreuung hin.
Rechtliche Einschätzung und fehlendes Widerrufsrecht in der Schweiz
Die rechtliche Situation für Konsumenten in der Schweiz ist in solchen Fällen oft schwierig. Beobachter-Expertin Fabienne Stich erklärt:
"Gerade bei sogenannten Onlinecoachings ist nicht immer klar, ob es sich um einen Coachingauftrag handelt oder man einen Kurs kauft. Ein Auftrag ist jederzeit kündbar, ein Kurs nicht."
Ein entscheidender Unterschied zu anderen Ländern ist das fehlende generelle Widerrufsrecht für Konsumenten in der Schweiz. Anders als beispielsweise in Deutschland gibt es hier keine gesetzlich vorgeschriebene Frist, innerhalb derer ein Online-Kauf ohne Angabe von Gründen widerrufen werden kann.
Wichtiger Hinweis zum Schweizer Recht
- Kein generelles Widerrufsrecht: In der Schweiz gibt es kein gesetzliches Widerrufsrecht für online abgeschlossene Verträge, wie es in der EU üblich ist.
- AGB entscheidend: Die Vertragsbedingungen des Anbieters sind ausschlaggebend für Kündigungsmöglichkeiten.
- Klarheit bei Vertragsart: Es ist wichtig, vorab zu klären, ob ein Angebot als Auftrag (jederzeit kündbar) oder Kurs (meist nicht kündbar) gilt.
Angesichts der rechtlichen Lage rät Stich in ähnlichen Fällen oft zur Akzeptanz einer Stornogebühr. Sie begründet dies damit, dass in solchen Fällen bereits Leistungen erbracht und der volle Zugang zum Programm gewährt wurden. Dies spricht aus rechtlicher Sicht eher für einen Kurs als für ein Coaching, was die volle Bezahlung rechtfertigen kann.
Fit on Time lehnt Probezeit ab
Die Frage, ob eine Probezeit für Online-Coachings sinnvoll wäre, um Kunden die Möglichkeit zu geben, das Angebot zu testen, beantwortet Fit on Time negativ. Eine Probezeit sei nicht "praktikabel".
Das Unternehmen argumentiert, dass der grösste Aufwand bereits zu Beginn bei der Planung des Coachings anfällt. Eine Probezeit würde das Risiko erhöhen, dass Kunden fertige Pläne erhalten und anschliessend sofort wieder kündigen, was für das Unternehmen unwirtschaftlich wäre.
Diese Haltung unterstreicht die Notwendigkeit für Konsumenten, sich vor dem Abschluss solcher Verträge sehr genau über die Bedingungen zu informieren und die eigene Eignung für digitale Angebote kritisch zu prüfen.
Tipps für Online-Verträge
Bevor Sie einen Online-Vertrag abschliessen, besonders bei hochpreisigen Coachings:
- Lesen Sie die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) sorgfältig durch.
- Klären Sie die Kündigungsbedingungen und mögliche Stornogebühren.
- Informieren Sie sich über die Art des Angebots (Coaching oder Kurs).
- Prüfen Sie, ob Ihre technischen Fähigkeiten und körperlichen Voraussetzungen zum digitalen Format passen.
- Seien Sie vorsichtig bei schnellen Verkaufsgesprächen und hohem Druck zum sofortigen Abschluss.





