Der Verband der Gemeindepräsidien im Bezirk Winterthur äussert scharfe Kritik an der reduzierten Berichterstattung über kommunale Themen im Landboten. Die Verbandsvertreter beklagen, dass politische, gesellschaftliche und kulturelle Angelegenheiten der 19 Gemeinden des Bezirks zunehmend unbeachtet blieben. Tamedia, der Herausgeber des Landboten, verweist auf den Medienwandel und eine fortgesetzte regionale Verankerung der Redaktion.
Wichtige Punkte
- Verband der Gemeindepräsidien beklagt reduzierte Berichterstattung.
- Printausgabe des Landboten bietet weniger Platz für Umlandgemeinden.
- Eigenständige Online-Präsenz landbote.ch ist verschwunden.
- Tamedia betont weiterhin lokalen Fokus und regionale Verankerung.
- Medienunternehmen verweist auf Medienwandel und sinkende Werbeeinnahmen.
Schwächung der lokalen Medienlandschaft
Der Verband der Gemeindepräsidien Bezirk Winterthur hat seine Bedenken in einer Protestnote öffentlich gemacht. Er sieht eine fortschreitende Schwächung der Medienlandschaft in der Stadt und Region Winterthur. Insbesondere der «drastische Abbau der redaktionellen Kapazitäten beim Landboten» sei besorgniserregend. Dies habe zu einem erheblichen Rückgang der Berichterstattung über kommunale Themen geführt. Die Gemeinden fühlen sich nicht mehr ausreichend repräsentiert.
Im September 2024 kündigte Tamedia an, die Winterthurer Redaktion in die Zentralredaktion des Tages-Anzeigers zu integrieren. Diese Umstrukturierung hat direkte Auswirkungen. Die sechstgrösste Stadt der Schweiz wird in der gedruckten Zeitung nun mit Zürich zu einer gemeinsamen «Region» zusammengefasst. Für die 19 Gemeinden des Bezirks Winterthur-Land bleibt im Print durchschnittlich nur noch eine halbe Seite übrig. Dies bedeutet eine erhebliche Reduktion des verfügbaren Raums für lokale Nachrichten und Geschichten.
Faktencheck
- 19 Gemeinden: Der Bezirk Winterthur-Land umfasst 19 Gemeinden.
- Halbe Seite: Durchschnittlich nur eine halbe Seite im Print für diese Gemeinden.
- Integration: Winterthurer Redaktion in Zentralredaktion des Tages-Anzeigers integriert.
Online-Präsenz und Demokratie
Auch die eigenständige Online-Präsenz landbote.ch ist nicht mehr verfügbar. Regionale Informationen finden sich nun ausschliesslich auf tagesanzeiger.ch/winterthur. Für den Verband der Gemeindepräsidien ist dies ein Rückschritt. Sie betonen, dass Medienvielfalt kein Luxus, sondern ein Grundpfeiler der Demokratie sei. Ohne eine kritische, unabhängige und kontinuierliche Medienberichterstattung fehle der demokratische Resonanzraum, der für eine lebendige Zivilgesellschaft unerlässlich ist.
«Ohne kritische, unabhängige und kontinuierliche Medienberichterstattung fehlt der demokratische Resonanzraum, der für eine lebendige Zivilgesellschaft unerlässlich ist.»
Verband der Gemeindepräsidien Bezirk Winterthur
Diese Aussage unterstreicht die Bedeutung lokaler Medien für die politische Willensbildung und das Engagement der Bürger. Wenn lokale Themen nicht mehr ausreichend beleuchtet werden, kann dies die Transparenz und die Beteiligung der Bevölkerung beeinträchtigen. Die Sorge der Gemeindepräsidien ist, dass wichtige Entwicklungen und Entscheidungen in ihren Kommunen der Öffentlichkeit entgehen könnten.
Die Perspektive von Tamedia
Jigme Garne, Ressortleiter Winterthur bei Tamedia, weist die Kritik nicht gänzlich von sich, betont aber den fortgesetzten lokalen und regionalen Fokus. Er erklärt, dass die Redaktion in Winterthur verankert bleibe. Sie decke weiterhin bedeutende politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen vor Ort ab. Tamedia möchte die erste Adresse für Leser sein, die sich einen ausgewogenen, faktenbasierten und fairen Journalismus über das lokale Geschehen wünschen.
Garne räumt ein, dass redaktionelle Entscheidungen naturgemäss von den Erwartungen der Gemeindebehörden abweichen könnten. Eine Tamedia-Sprecherin zeigte sich überrascht, dass ein gemeinsamer Austausch vom 7. November in Rickenbach, an dem die publizistische Leitung und der Lokalchef teilnahmen, in der Protestnote nicht erwähnt wurde. Dort seien nicht nur die Bedeutung regionaler Berichterstattung, sondern auch der Medienwandel mit schwindenden Werbeeinnahmen und veränderten Lesegewohnheiten erörtert worden.
Hintergrund zum Medienwandel
Die Medienbranche befindet sich seit Jahren im Wandel. Sinkende Werbeeinnahmen im Printbereich und veränderte Lesegewohnheiten der Konsumenten, die zunehmend digitale Kanäle nutzen, stellen Verlage vor grosse Herausforderungen. Viele Medienhäuser müssen ihre Strukturen anpassen und Redaktionen neu organisieren, um wirtschaftlich zu bleiben.
Digitale Präsenz und Erreichbarkeit
Vor diesem Hintergrund erhalten regionale Inhalte auf der App und der Website des Tages-Anzeigers einen prominenten Platz. Nutzerinnen und Nutzer haben die Möglichkeit, Winterthur als bevorzugte Region einzustellen. Dies soll sicherstellen, dass relevante lokale Nachrichten weiterhin ein breites Publikum erreichen. Die gedruckte Ausgabe des Landboten erscheint zudem wie bisher von Montag bis Samstag. Tamedia versichert, dass regionale Anliegen sichtbar bleiben und das Publikum erreichen.
Trotz der Anpassungen im Umfang der Printausgabe und der Integration der Online-Plattform in den Tages-Anzeiger, betont Tamedia die Wichtigkeit der regionalen Berichterstattung. Die Strategie zielt darauf ab, die Leser über verschiedene Kanäle zu erreichen. Dabei sollen sie weiterhin Zugang zu relevanten Informationen aus Winterthur und den umliegenden Gemeinden erhalten.
Die Diskussion zwischen den Gemeindepräsidien und Tamedia zeigt die Spannungen, die der Medienwandel mit sich bringt. Einerseits stehen Medienhäuser unter wirtschaftlichem Druck und müssen ihre Angebote anpassen. Andererseits fordern lokale Akteure eine umfassende und unabhängige Berichterstattung, um die demokratische Teilhabe zu gewährleisten. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Medienlandschaft in der Region Winterthur weiterentwickeln wird und welche Lösungen gefunden werden, um den Informationsbedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden.
Ausblick und Herausforderungen
Die Herausforderung für Medienhäuser liegt darin, die Balance zwischen wirtschaftlicher Effizienz und dem öffentlichen Auftrag zu finden. Lokale Nachrichten sind entscheidend für die Identität einer Gemeinschaft und die Kontrolle der lokalen Politik. Der Verband der Gemeindepräsidien hofft, dass Tamedia die Anliegen der Umlandgemeinden ernst nimmt und Wege findet, die Berichterstattung wieder zu stärken. Eine lebendige lokale Medienlandschaft ist ein Indikator für eine gesunde Demokratie.
Die digitale Transformation bietet auch Chancen. Durch personalisierte Feeds und mobile Apps könnten Leser noch gezielter lokale Inhalte konsumieren. Die Frage ist jedoch, ob dies den Verlust an Tiefe und Umfang in der gedruckten Ausgabe vollständig kompensieren kann. Die Debatte um die Zukunft des Lokaljournalismus in Winterthur ist somit ein Spiegelbild umfassenderer Entwicklungen in der gesamten Medienbranche.





