In der ländlichen Idylle nahe Bülach sorgt eine ungewöhnliche Wohnungsanzeige für Aufsehen. Der 89-jährige Landwirt Jak Meier sucht über soziale Medien neue Mitbewohner für sein Stöckli. Seit dem Tod seiner Frau im vergangenen Jahr ist es ihm zu ruhig geworden. Die Resonanz auf das Angebot ist überwältigend und zeigt ein grosses Bedürfnis nach alternativen Wohnformen.
Das Wichtigste in Kürze
- Jak Meier, 89, bietet ein Zimmer mit eigenem Bad in seinem Stöckli auf einem Bauernhof bei Bülach an.
- Nach dem Tod seiner Frau wünscht er sich wieder mehr Gesellschaft und Leben im Haus.
- Ein Social-Media-Post seiner Tochter löste eine Welle von Bewerbungen aus.
- Der Gemeinschaftsgedanke steht im Vordergrund, nicht der Mietpreis von rund 1200 Franken.
Ein Aufruf, der Herzen bewegt
Ein Foto eines freundlich lächelnden, älteren Herren vor ländlicher Kulisse, verbunden mit einer Wohnungsanzeige, verbreitete sich in den letzten Wochen rasant im Internet. Absenderin ist Yvonne Bont, die jüngste Tochter des 89-jährigen Jak Meier. Sie hat den Beitrag im Namen ihres Vaters verfasst, um für ihn Mitbewohner zu finden.
„Wir sind absolut überrascht von dem grossen Interesse“, berichtet Yvonne Bont. „Es haben sich wahnsinnig viele Leute mit total herzigen Anfragen gemeldet.“ Die Flut an Nachrichten zeigt, dass die Idee einer generationenübergreifenden Wohngemeinschaft auf dem Land einen Nerv trifft. Einige Interessenten waren bereits zur Besichtigung auf dem Rheinsberghof.
Mehr als nur ein Zimmer
Angeboten wird ein grosszügiges Schlafzimmer mit direkt angrenzendem, privatem Badezimmer im Stöckli des Hofes. Zur Mitbenutzung stehen ein grosses Wohnzimmer mit offener Küche, ein weitläufiger Dachboden sowie der Garten mit Sitzplatz zur Verfügung. Der veranschlagte Mietpreis liegt bei etwa 1200 Franken.
„Der Preis ist verhandelbar und steht nicht im Vordergrund“, betont Bont. Viel wichtiger sei der Familie die richtige Person oder die richtigen Personen zu finden. Gegenseitige Sympathie und die Liebe zur Natur sind die entscheidenden Kriterien. Um sicherzugehen, dass die Chemie stimmt, schlagen Vater und Tochter ein Probewohnen vor.
Was ist ein Stöckli?
Das Stöckli, auch Ausgedingehaus genannt, ist ein traditioneller Bestandteil von Schweizer Bauernhöfen. Es handelt sich um ein kleineres, separates Wohnhaus auf dem Hofgelände, in das sich die ältere Generation nach der Hofübergabe an die Nachkommen zurückzieht. So bleiben sie Teil der Familie und des Hoflebens, haben aber ihren eigenen Bereich.
Ein Leben für die Landwirtschaft
Jak Meier ist auf dem Rheinsberghof aufgewachsen und hat ihn jahrzehntelang bewirtschaftet. 60 Jahre lang war er mit seiner Frau Nelli verheiratet, die im September letzten Jahres nach langer Krankheit zu Hause verstarb. Gemeinsam zogen sie ihre drei Kinder auf dem Hof gross.
Im Jahr 2003 übernahm Tochter Yvonne den Betrieb mit Reitschule und Pferdepension, woraufhin die Eltern in das kleinere Stöckli zogen. Jak Meier half noch bis vor zwei Jahren aktiv auf dem Hof mit. Eine Lungenembolie zwang ihn jedoch, kürzerzutreten. „Mir fehlt jetzt die Puste dafür, und schwer heben darf ich nicht mehr“, erklärt er.
„Wieder mehr Leben im Haus wäre schön.“
Selbstständig, aber nicht allein
Yvonne Bont stellt klar, dass ihr Vater keine Pflege benötigt. „Mein Vater braucht keine Pflege oder Haushalthilfe. Er kann den Alltag selbst bewältigen, und wir sind auch da und unterstützen, wo nötig.“ Auch Jak Meier selbst legt Wert auf seine Selbstständigkeit. Was ihm fehlt, ist die Gesellschaft.
Viermal pro Woche isst er bei seiner Tochter und seinen beiden erwachsenen Enkeln im Haupthaus. Dort lebt auch ein Kollege eines Enkels in einer Art WG. „Darum kennt mein Vater auch ein bisschen das WG-Leben“, sagt seine Tochter. „Er ist einfach gern in Gesellschaft.“
Wer passt auf den Rheinsberghof?
Jak Meier ist offen für die verschiedensten Konstellationen. Ob eine junge Person, ein Paar oder Alleinerziehende mit Kind – alle sind willkommen. „Wenn nochmals Kinder bei uns auf dem Hof wohnen würden, wäre das auch schön. Platz haben wir“, sagt der 89-Jährige mit einem Lächeln.
Er beschreibt sich selbst als gesellig, humorvoll und interessiert an Sport und dem Weltgeschehen. Sein Bewegungsradius ist zwar eingeschränkt, und da er seine Fahrprüfung aufgrund nachlassender Sehkraft abgegeben hat, wäre ein Mitbewohner mit Führerschein von Vorteil. Der Hof ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen.
Das Wunschprofil im Überblick:
- Eigenschaft: Liebe zur Natur und zum Landleben
- Praktisch: Ein Führerschein ist von Vorteil
- Sozial: Freude an gelegentlichen Gesprächen und gemeinsamer Zeit
- Optional: Kochkenntnisse und ein grüner Daumen wären willkommen
Gespräche, Garten und Gemeinschaft
Was wünscht sich Jak Meier von seinen zukünftigen Mitbewohnern? „Jemand, der mit ihm am Abend bei einem Glas Wein plaudert oder ihm beim Essen gelegentlich Gesellschaft leistet“, fasst seine Tochter zusammen. Er selbst fügt hinzu: „Wenn jemand kochen kann, wäre das auch toll.“ Für sich allein koche er meist nur einfache Gerichte wie Fleischkäse mit Spiegelei und Rösti.
Eine weitere Sache vermisst er sehr: „Wieder Blumen am Haus und im Garten. Das hat meine Frau immer so schön gemacht.“ Wer also nicht nur das Landleben schätzt, sondern auch Freude am Gärtnern hat, könnte auf dem Rheinsberghof schon bald ein neues Zuhause finden – und Jak Meier dabei helfen, sein Stöckli wieder mit Leben und Blüten zu füllen.





