Viele ältere Menschen im Kanton Zürich leben allein in grossen Einfamilienhäusern. Obwohl der Unterhalt zunehmend zur Last wird, zögern sie den Umzug in eine kleinere Wohnung oft bis ins hohe Alter hinaus. Eine neue Studie der Zürcher Kantonalbank (ZKB) beleuchtet die komplexen Gründe, die weit über finanzielle Überlegungen hinausgehen.
Die Analyse zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für einen freiwilligen Auszug aus dem Eigenheim erst ab einem Alter von 85 Jahren deutlich ansteigt. Bis dahin halten die meisten an ihrem Zuhause fest – aus emotionaler Verbundenheit, aber auch wegen praktischer Hürden und einem Mangel an passenden Alternativen.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Das Durchschnittsalter von Hausbesitzern im Kanton Zürich liegt bei 62 Jahren.
- Ein freiwilliger Umzug findet meist erst nach dem 85. Lebensjahr statt, oft aus gesundheitlichen Gründen.
- Emotionale Bindung an das Haus ist ein zentraler Faktor für das lange Zögern.
- Die Suche nach einer passenden, bezahlbaren Wohnung im gleichen Ort erweist sich als grosse Hürde.
- Auch nach dem Auszug bevorzugen über 60 % der Senioren eine Wohnung mit mindestens vier Zimmern.
Der Mythos vom blockierten Wohnraum
Die öffentliche Wahrnehmung ist oft, dass ältere Menschen in zu grossen Häusern wertvollen Wohnraum für junge Familien blockieren. Die Autoren der ZKB-Studie sehen diese Darstellung jedoch als zu stark vereinfacht an. Es handle sich weniger um eine bewusste Entscheidung gegen einen Umzug, sondern vielmehr um ein Aufschieben der schwierigen Auseinandersetzung mit dem Thema.
Die emotionale Bindung an das Eigenheim, in dem oft die Kinder aufgewachsen sind und unzählige Erinnerungen stecken, spielt eine entscheidende Rolle. Immobilienmaklerin Katerina Karajannakis, die sich auf die Beratung von Menschen über 60 spezialisiert hat, bringt es auf den Punkt.
«Es ist ja nicht nur ein Haus. Es ist ein halbes Leben, das darin steckt.»
Viele Paare geniessen nach dem Auszug der Kinder die neu gewonnene Freiheit und den Platz im Haus. Der Gedanke, dieses vertraute Umfeld aufzugeben, ist für viele mit grossen Verlustängsten verbunden.
Praktische und emotionale Hürden
Neben den emotionalen Aspekten stellen auch ganz praktische Gründe eine hohe Hürde dar. Ein über Jahrzehnte bewohntes Haus zu räumen, ist eine gewaltige Aufgabe. Keller, Estrich und Schränke sind gefüllt mit Gegenständen, die ein Leben lang gesammelt wurden.
Ursina Kubli, Immobilienexpertin bei der ZKB, bezeichnet die Räumung eines Hauses in der Studie als einen «Gräuel» für viele Betroffene. Insbesondere für alleinlebende Personen sei der Aufwand kaum zu bewältigen. Die Analyse zeigt, dass Alleinstehende deutlich seltener umziehen als Paare, die sich die emotionale und praktische Last teilen können.
Statistik zum Umzugsverhalten
Laut der ZKB-Analyse steigt die Wahrscheinlichkeit eines Umzugs nach der Pensionierung nur geringfügig an. Erst im sehr hohen Alter, wenn gesundheitliche Probleme den Alltag erschweren, wird der Schritt unausweichlich.
Tätigkeiten wie Gartenarbeit, die Reinigung grosser Flächen oder das tägliche Treppensteigen werden dann zur körperlichen Belastung. An diesem Punkt ist die Entscheidung oft nicht mehr freiwillig, sondern von der Notwendigkeit diktiert.
Die schwierige Suche nach einer Alternative
Selbst wenn die Entscheidung für einen Umzug gefallen ist, beginnt die nächste Herausforderung: die Suche nach einer geeigneten neuen Wohnung. Einer der wichtigsten Wünsche ist es, im vertrauten sozialen Umfeld zu bleiben. Doch gerade im Kanton Zürich ist dies oft schwierig.
In den letzten zwanzig Jahren sind die Immobilienpreise stark gestiegen. Bezahlbare und altersgerechte Wohnungen sind rar. Wer sein Haus verkauft, möchte oft eine Wohnung mieten oder kaufen, die den neuen Bedürfnissen entspricht, ohne den gesamten Erlös investieren zu müssen.
Was bedeutet «Verkleinern» wirklich?
Die Studie der ZKB zeigt ein überraschendes Ergebnis: Wer aus dem Eigenheim auszieht, will nicht unbedingt klein wohnen. Über 60 Prozent der Umziehenden entscheiden sich für eine Wohnung mit vier oder mehr Zimmern. Der Wunsch nach Platz für Gäste, Hobbys oder ein Büro bleibt bestehen. Dies erschwert die Suche nach einer passenden und bezahlbaren Wohnung zusätzlich.
Ein weiteres wichtiges Argument für den Verbleib im grossen Haus ist der Platz für die Familie. Viele Grosseltern möchten Zimmer für den Besuch der Kinder und Enkelkinder bereithalten. Dieser Wunsch nach einem Familientreffpunkt wiegt oft schwerer als die Nachteile des grossen Hauses.
Die Gefahr des zu späten Handelns
Experten warnen davor, die Entscheidung für einen Umzug zu lange aufzuschieben. Wer wartet, bis gesundheitliche Probleme ihn dazu zwingen, verliert die Möglichkeit, selbstbestimmt über den nächsten Lebensabschnitt zu entscheiden.
Anstatt in Ruhe eine passende Wohnung zu suchen, die den eigenen Wünschen entspricht, bleibt oft nur der Umzug dorthin, wo gerade ein Platz frei ist. Nicht selten ist das ein Pflegeheim, obwohl vielleicht eine betreute Alterswohnung die bessere Alternative gewesen wäre.
Immobilienmaklerin Karajannakis rät daher zu einer frühzeitigen und ehrlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Wohnsituation. Sie appelliert an ältere Hausbesitzer, sich selbstkritisch zu fragen, ob ein Haus mit Treppen und grossem Garten wirklich noch die passende Wohnform für die kommenden Jahre ist. Ein rechtzeitiger Schritt ermöglicht es, den neuen Lebensabschnitt aktiv und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.





