Die Landwirtschaft steht vor einem Umbruch. Auf dem Forum Swiss Future Farm in Tänikon trafen sich Experten aus verschiedenen Bereichen, um die neuesten Technologien und Ansätze für eine nachhaltigere Lebensmittelproduktion zu diskutieren. Im Fokus standen dabei autonome Roboter, die den Einsatz von Pestiziden reduzieren, digitale Marktplätze gegen Lebensmittelverschwendung und Strategien für eine klimaneutrale Landwirtschaft.
Wichtige Erkenntnisse
- Roboter wie «FarmDroid» und OFA reduzieren den Bedarf an Handarbeit und Pflanzenschutzmitteln.
- Laser- und Heisswassertechnologien bekämpfen Unkraut präzise und umweltschonend.
- Digitale Plattformen wie Circunis vermitteln Lebensmittelüberschüsse und bekämpfen Food Waste.
- Nestlé und IP-Suisse setzen auf CO₂-Speicherung im Boden und Klimapunktesysteme für mehr Nachhaltigkeit.
- Die Sicherstellung der Grundversorgung erfordert finanzielle Anreize für die Produktion von Nahrungsmitteln für einkommensschwache Gruppen.
Autonome Roboter revolutionieren Unkrautbekämpfung
Der Einsatz von Robotern in der Landwirtschaft nimmt stetig zu. Diese Maschinen versprechen eine effizientere und umweltschonendere Bewirtschaftung der Felder. Besonders die Unkrautbekämpfung profitiert von dieser Entwicklung, da der manuelle Aufwand minimiert und der Einsatz von Chemikalien reduziert werden kann.
Daniel Vetterli von der Vetterlifarm setzt seit 2020 auf den Roboter «FarmDroid» im Biozuckerrübenanbau. Er berichtet von einer Reduktion der Handarbeit um bis zu 50 Prozent. Dies ist ein entscheidender Fortschritt, da Handjäten in der Biolandwirtschaft zwar notwendig, aber mit hohen Kosten und Personalmangel verbunden ist.
Ein weiteres Beispiel ist das ETH-Spin-off Caterra, das auf Lasertechnologie setzt. Radek Zenkl, CTO bei Caterra, erklärt, dass ihr batteriebetriebener Roboter autonom per GPS navigiert und Unkraut mit Laserstrahlen entfernt. Ein Deep-Learning-Algorithmus ermöglicht es der Maschine, präzise zwischen Nutzpflanzen, Unkraut und Erde zu unterscheiden. Dies minimiert den Schaden an den Nutzpflanzen und maximiert die Effizienz der Unkrautentfernung.
Faktencheck: Roboter in der Landwirtschaft
Der Roboter OFA (Open Field Automation), entwickelt am EMS Institut der OST, entfernt Unkraut wie Blacken mit Heisswasser oder Stromstössen. Vor dem Einsatz fliegt eine Drohne über das Feld, um die genauen Positionen der Blacken mittels KI-Bilderkennung zu identifizieren. Dies ermöglicht eine gezielte und ressourcenschonende Bekämpfung.
Verschiedene Technologien für eine nachhaltige Zukunft
Die Experten sind sich einig, dass es keine einzelne Patentlösung geben wird. Vielmehr werden sich verschiedene Techniken ergänzen. Radek Zenkl betont: «Wahrscheinlich werden sich die verschiedenen Techniken ergänzen.» Ob Laser, Strom oder Heisswasser – alle Methoden tragen dazu bei, den Einsatz von Pestiziden stark zu reduzieren, was sowohl der Umwelt als auch der menschlichen Gesundheit zugutekommt.
Neben den Unkrautrobotern wurden weitere innovative Technologien präsentiert. Das Start-up Frugal Tec aus Diepoldsau zeigte seine Vertical-Farming-Anlagen, die den Anbau von Lebensmitteln auf engstem Raum ermöglichen. Auch der autonome Mähroboter Amea, eine Entwicklung in Zusammenarbeit mit der OST, war zu sehen. Das ISF experimentiert zudem mit dem hundeähnlichen Mehrzweckroboter ANYmal, der mit Sensoren und Kameras ausgestattet ist, um autonome Aufgaben in schwierigen Umgebungen zu übernehmen.
Kampf gegen Lebensmittelverschwendung
Die Schweiz verzeichnet jährlich rund 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste, während weltweit etwa 700 Millionen Menschen Hunger leiden. Diese Diskrepanz ist alarmierend und erfordert dringendes Handeln. Olivia Menzi, Geschäftsführerin von Circunis, hat sich diesem Problem angenommen.
Circunis ist ein digitaler Marktplatz, der Lebensmittelüberschüsse aus Verarbeitungs- und Produktionsbetrieben vermittelt. Aktuell warten dort fast 90 Tonnen überschüssige Waren darauf, wieder in den Kreislauf gebracht zu werden. Menzi fasst die Vision ihres Unternehmens zusammen: «Unsere Vision ist eine Schweiz, die verwendet, was da ist – statt auf Kosten von Umwelt und Gesellschaft zu wirtschaften.»
«Das Gespenst der Unterernährung ist zurück. Essen ist in erster Linie ein Verteilungsproblem und kein Produktionsproblem.»
Hintergrund: Globale Herausforderungen
Prof. Dr. Henrik Nordborg von der OST stellte die Frage: «Wie viel Essen verträgt die Welt?» Er betonte die Notwendigkeit einer nachhaltigen Lösung, die eng mit der globalen Versorgungssicherheit verknüpft ist. Eine Studie aus dem Jahr 2019 prognostiziert, dass die Nachfrage nach Lebensmitteln bis 2050 um 50 Prozent steigen wird. Die dafür benötigte Ackerfläche entspräche der doppelten Fläche Indiens. Nordborg sieht den dringenden Handlungsbedarf nicht primär bei der Bereitstellung von Ackerfläche, sondern bei der Produktion für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, da diese marktwirtschaftlich kaum rentabel ist. Finanzielle Anreizsysteme seien hier entscheidend.
Klimaneutrale Landwirtschaft als Ziel
Grosse Unternehmen und Organisationen setzen sich ehrgeizige Ziele für eine klimaneutrale Landwirtschaft. Daniel Imhof, Leiter der landwirtschaftlichen Angelegenheiten von Nestlé Schweiz, ist überzeugt, dass das Ziel der Klimaneutralität langfristig erreicht werden kann. Er sieht in der Landwirtschaft den einzigen Bereich, in dem Treibhausgase wirtschaftlich aus der Atmosphäre entfernt werden können – und das in einer Win-win-Situation.
Ein zentraler Ansatzpunkt ist die landwirtschaftliche Sequestrierung, also die Speicherung von CO₂ im Boden. Nestlé betreibt gemeinsam mit dem WWF im Kanton Waadt das Projekt «AgroImpact», das Emissionen auf Bauernhöfen reduziert und die CO₂-Speicherung fördert. Solche Initiativen tragen dazu bei, dass Nestlé sein Netto-Null-Ziel bis 2050 erreicht.
Klimapunkte für nachhaltige Produktion
Auch die Labelorganisation IP-Suisse, mit rund 18'000 Mitgliedern und 10'000 Label-Produzenten eine der bedeutendsten Produzentenorganisationen der Schweiz, fördert die nachhaltige Transformation. Seit 2021 verpflichtet IP-Suisse ihre Betriebe zu einem Klimapunkte-System.
Geschäftsführer Christophe Eggenschwiler erklärt, dass dieses System die Klimawirkung der Produktion erfassen soll, ohne die Landwirte mit umfangreicher Datensammlung zu überlasten. Dies war ein zentraler Faktor bei der Entwicklung des Online-Tools. Die Resonanz der Mitglieder auf das Tool ist positiv. Eggenschwiler berichtet: «Wir haben sogar 700 proaktive Vorschläge der Bauern für Klimamassnahmen erhalten.» Dies zeigt das grosse Engagement der Landwirte für mehr Nachhaltigkeit.
Die Zukunft der Ernährungswirtschaft in der Schweiz und weltweit wird massgeblich von technologischen Innovationen und nachhaltigen Strategien geprägt sein. Die Diskussionen und Projekte, die auf der Swiss Future Farm vorgestellt wurden, zeigen einen klaren Weg auf: Weniger Pestizide, weniger Lebensmittelverschwendung und eine stärkere Bindung von CO₂ in den Böden sind erreichbare Ziele, die durch Zusammenarbeit von Forschung, Industrie und Landwirtschaft vorangetrieben werden.




