Die Welt der Kartoffelzüchtung ist komplex und voller Herausforderungen. Experten trafen sich am Strickhof Lindau, um über die neuesten Entwicklungen bei Kartoffelsorten und die Markterwartungen zu diskutieren. Dabei wurde deutlich: Die Sortenvielfalt nimmt zwar zu, doch nicht jeder Wunsch der Konsumenten und Verarbeiter lässt sich einfach umsetzen.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Züchtung neuer Kartoffelsorten ist ein langwieriger Prozess, der 10 bis 15 Jahre dauern kann.
- Resistenzen gegen Krankheiten wie Kraut- und Knollenfäule sind bei Neuzüchtungen von grosser Bedeutung.
- Konsumenten bevorzugen gelbfleischige Kartoffeln, während spezielle Sorten wie die blaue Vitanoire Nischenprodukte bleiben.
- Für die Chipsindustrie sind runde Knollen und ein geringer Zuckergehalt entscheidend, um gute Frittierergebnisse zu erzielen.
Züchtung: Ein Marathon, kein Sprint
Die Entwicklung einer neuen Kartoffelsorte erfordert Geduld. Es dauert oft 10 bis 15 Jahre, bis eine vielversprechende Züchtung marktreif ist. Patrice de Werra von Agroscope betonte dies während der Veranstaltung. Züchter müssen dabei viele Eigenschaften berücksichtigen: den Ertrag, die Kochqualität, die Lagerfähigkeit und vor allem die Resistenzen gegen Krankheiten.
Ein grosses Problem ist die Kraut- und Knollenfäule, verursacht durch Phytophthora infestans. Diese Krankheit kann ganze Ernten vernichten. Neue Sorten müssen daher robust sein. Patrick Kreihenbühl von der fenaco Genossenschaft Ostschweiz wies darauf hin, dass Züchter oft eine lange Wunschliste haben. Doch die Realität ist, dass nicht alles gleichzeitig umsetzbar ist.
Wussten Sie schon?
Die Kraut- und Knollenfäule ist eine der verheerendsten Kartoffelkrankheiten weltweit. Sie war der Auslöser der grossen irischen Hungersnot im 19. Jahrhundert.
Anforderungen der Konsumenten und Verarbeiter
Der Markt stellt spezifische Anforderungen an Kartoffeln. Stefan Vogel von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) präsentierte eine Studie zur Konsumentenakzeptanz. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung bevorzugt gelbfleischige Kartoffeln. Exotische Sorten mit blauer oder roter Farbe, wie die Vitanoire, bleiben Nischenprodukte.
Für die Weiterverarbeitung gelten andere Kriterien. Fabien Curty von Zweifel Chips AG erklärte, dass für die Herstellung von Chips vor allem Sorten mit runden Knollen und einem hohen Stärkegehalt wichtig sind. Ein niedriger Zuckergehalt ist ebenso entscheidend. Er verhindert, dass die Chips beim Frittieren zu stark bräunen oder gar schwarz werden.
«Es ist eine Wunschliste, aber kein Ponyhof», fasste Patrick Kreihenbühl die Herausforderungen in der Kartoffelzüchtung zusammen.
Spezialitäten und ihre Herausforderungen
Die festkochende Sorte Vitanoire ist mit ihrer blauen Schale ein Beispiel für eine Spezialkartoffel. Sie bringt Farbe auf den Teller, ist aber im Anbau und in der Vermarktung anspruchsvoller. Die Herbstgold hingegen trifft mit ihrer gelben Farbe den Konsumentengeschmack besser. Ihre längliche Form ist für eine typische Konsumkartoffel zwar noch verbesserungswürdig, doch die Farbe ist entscheidend.
Hintergrund der Veranstaltung
Der Austausch am Strickhof Lindau bringt regelmässig Kartoffelexperten aus Züchtung, Anbau, Verarbeitung und Forschung zusammen. Ziel ist es, Wissen zu teilen und die Entwicklung des Kartoffelsektors voranzutreiben.
Die Rolle der Resistenzen in der Zukunft
Tobias Gelencsér vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) hob die Bedeutung von resistenten Sorten hervor. Im biologischen Anbau sind sie unerlässlich, da chemische Pflanzenschutzmittel nicht eingesetzt werden dürfen. Doch auch im konventionellen Anbau gewinnen Resistenzen an Bedeutung, um den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren und nachhaltiger zu wirtschaften.
Dani von Ballmoos von Innoverde ergänzte, dass die Entwicklung von Sorten mit Mehrfachresistenzen ein langfristiges Ziel ist. Es geht nicht nur darum, eine einzelne Krankheit zu bekämpfen, sondern die Pflanzen insgesamt widerstandsfähiger zu machen. Dies schützt die Ernte und sichert die Versorgung.
Innovationen und Sortenvielfalt
Trotz der Herausforderungen wächst die Vielfalt an Kartoffelsorten. Neue Züchtungen bieten oft verbesserte Eigenschaften in Bezug auf Geschmack, Textur oder Nährwert. Diese Innovationen sind wichtig, um den sich ändernden Bedürfnissen der Verbraucher und der Landwirtschaft gerecht zu werden.
Die Expertenrunde am Strickhof Lindau zeigte auf, dass die Zusammenarbeit zwischen Forschern, Züchtern und Praktikern entscheidend ist. Nur so können die «Wunschlisten» der Branche schrittweise erfüllt werden und die Kartoffel ihren festen Platz auf unseren Tellern behalten.
- Zukünftige Herausforderungen: Klimawandel und neue Schädlinge erfordern kontinuierliche Anpassung der Züchtungsstrategien.
- Nachhaltigkeit: Der Fokus auf robuste, widerstandsfähige Sorten ist ein wichtiger Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft.
- Verbraucherwünsche: Trotz des Wunsches nach Innovation bleibt die Präferenz für traditionelle Sorten und Eigenschaften stark.
Die Diskussionen unterstreichen, dass die Kartoffel nicht nur ein Grundnahrungsmittel ist, sondern auch ein Produkt ständiger Forschung und Entwicklung. Der Weg von der Züchtung bis zum Teller ist lang und erfordert das Engagement vieler Akteure.





