In der Reformierten Kirchgemeinde Illnau-Effretikon herrschen seit Monaten Spannungen. Eine jüngste Gemeindeversammlung offenbarte die tiefen Gräben zwischen verschiedenen Lagern. Es kam zu heftigen Diskussionen über Finanzkompetenzen und den Verkauf einer Liegenschaft, was die anhaltende Uneinigkeit innerhalb der Gemeinde widerspiegelt.
Wichtige Punkte
- Die Kirchgemeinde ist in zwei Lager gespalten: freikirchlich-evangelikale Kreise und traditionell reformierte Mitglieder.
- Eine Initiative zur drastischen Kürzung der Finanzkompetenzen der Kirchenpflege scheiterte im Juni.
- An der jüngsten Versammlung wurde emotional über die Protokollformulierung einer EVP-Politikerin und den Verkauf einer Liegenschaft diskutiert.
- Ein Verzicht auf einen Wiederverkaufsgewinn von 50'000 Franken für eine Liegenschaft wurde von der Versammlung abgelehnt.
- Die Situation deutet auf einen strukturellen Konflikt hin, der bis zu den Kirchenpflegewahlen 2026 anhalten könnte.
Heftige Diskussionen prägen die Versammlung
Die Gemeindeversammlung in Illnau-Effretikon zeigte sich bereits kurz nach Beginn als Schauplatz intensiver Auseinandersetzungen. Schon beim ersten Traktandum, der Genehmigung des Protokolls der Juni-Versammlung, kam es zu einem Eklat. Ein Stimmberechtigter verliess den Saal aus Protest.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand eine Protokollpassage. Diese enthielt Äusserungen der EVP-Stadtparlamentarierin Simone Schädler. Sie hatte im Zusammenhang mit einer Initiative zur Beschneidung der Finanzkompetenzen der Kirchenpflege erklärt, wer unzufrieden sei, könne austreten. Zudem bezeichnete sie die Initiative als «böse».
Die Frage, ob diese Formulierungen wörtlich im Protokoll festgehalten werden sollten, spaltete die Anwesenden. Eine knappe Mehrheit von 32 zu 29 Stimmen entschied schliesslich dafür, die umstrittenen Passagen beizubehalten. Dieses Ergebnis unterstreicht die tiefe Spaltung innerhalb der Kirchgemeinde.
Faktencheck
Die Reformierte Kirchgemeinde Illnau-Effretikon zählt zu den grössten in der Region. Konflikte um Finanzen und theologische Ausrichtung sind in Schweizer Kirchgemeinden nicht ungewöhnlich, können aber die Handlungsfähigkeit der Behörden stark einschränken.
Der gescheiterte Vorstoss zur Finanzkompetenz
Bereits im Juni hatte eine Initiative für Aufsehen gesorgt. Sie zielte darauf ab, die Finanzkompetenzen der Kirchenpflege drastisch zu reduzieren. Statt Ausgaben bis zu 100'000 Franken selbst zu entscheiden, sollte die Grenze auf 10'000 Franken gesenkt werden. Dies hätte bedeutet, dass fast alle grösseren Ausgaben der Gemeindeversammlung hätten vorgelegt werden müssen.
Max Binder, ehemaliger SVP-Nationalrat, sprach sich für die Initiative aus. Er argumentierte, dass die Kompetenzen der Kirchenpflege im Jahr 2021 zu stark erweitert worden seien. Die Gemeinde habe seitdem zu wenig Mitspracherecht bei wichtigen Geschäften gehabt.
Gegner des Vorstosses warnten eindringlich vor den Folgen. Sie befürchteten eine überbordende Bürokratie und eine Blockade der Behörde. Finanzpfleger Kilian Meier betonte, dass selbst banale Ausgaben wie Softwarelizenzen oder Konfirmationslager dann vor die Versammlung müssten. Dies würde die Handlungsfähigkeit der Kirchenpflege gefährden.
«Mir wurde fast schwarz vor Augen, als ich diesen Antrag gelesen habe. Dieser Betrag ist eine bodenlose Frechheit.»
Simone Schädler, EVP-Stadtparlamentarierin
Streit um Liegenschaftsverkauf
An der jüngsten Versammlung stand ein weiteres Thema im Vordergrund: der Verkauf eines Hauses an der Glärnischstrasse. Die Kirchgemeinde hatte diese Liegenschaft im Jahr 2020 für 1,2 Millionen Franken verkauft. Ziel war es, eine betreute Wohngemeinschaft zu ermöglichen.
Der Kaufvertrag enthielt eine wichtige Klausel: Die Kirchgemeinde hat Anspruch auf die Hälfte eines allfälligen Wiederverkaufsgewinns, sollte das Haus innerhalb von zehn Jahren erneut verkauft werden. Nach dem Tod des Käufers und der Auflösung der Wohngruppe möchte dessen Bruder die Liegenschaft nun veräussern oder vermieten.
Er bot der Kirchgemeinde 50'000 Franken an, falls sie auf ihren vertraglichen Gewinnanspruch verzichtet. Dieses Angebot löste im Saal grosse Empörung aus. Viele Stimmberechtigte, darunter Simone Schädler, hielten den Betrag für inakzeptabel.
Hintergrund des Konflikts
Die Kirchgemeinde ist seit längerem tief gespalten. Auf der einen Seite stehen freikirchlich-evangelikale Kreise, auf der anderen traditionell reformierte Mitglieder. Diese Differenzen zeigen sich in unterschiedlichen Ansichten über theologische Ausrichtung, Kommunikation und Finanzpolitik.
Keine Einigung beim Wiederverkauf
Liegenschaftsverwalter Meinrad Knecht versuchte, die Situation zu entschärfen. Er warnte davor, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Entweder nehme man die 50'000 Franken jetzt an, oder der Besitzer könne das Haus für die verbleibenden fünf Jahre vermieten. Danach würde die Kirchgemeinde leer ausgehen, da der Anspruch nach zehn Jahren erlischt.
Diese Argumentation stiess auf heftigen Widerspruch. Ein Stimmberechtigter rief: «Wir lassen uns doch nicht erpressen!» Die Versammlung lehnte die vorgeschlagene Vertragsänderung schliesslich deutlich ab. Damit bleibt der Anspruch auf die Hälfte eines potenziellen Wiederverkaufsgewinns bestehen, aber die kurzfristige Auszahlung von 50'000 Franken wurde ausgeschlagen.
- Verkauf der Liegenschaft 2020: 1,2 Millionen Franken
- Anspruch der Kirchgemeinde: Hälfte des Wiederverkaufsgewinns bei Verkauf innert 10 Jahren
- Angebot des Bruders: 50'000 Franken für Verzicht auf Anspruch
- Ablehnung durch die Gemeindeversammlung: Deutlich
Ein struktureller Konflikt
Der anhaltende Streit in der Reformierten Kirchgemeinde Illnau-Effretikon ist mehr als nur eine Reihe einzelner Vorfälle. Er ist Ausdruck eines strukturellen Konflikts, der sich um Vertrauen, Macht und finanzielle Entscheidungen dreht. Die Spaltung zwischen den verschiedenen Lagern scheint tief verwurzelt.
Die kommenden Jahre könnten weitere Veränderungen mit sich bringen. Im Frühjahr 2026 werden mehrere Sitze in der Kirchenpflege frei. Dies könnte eine Zäsur darstellen und neue Dynamiken in die Gemeindeleitung bringen. Bis dahin dürften die Diskussionen und Auseinandersetzungen in der Kirchgemeinde anhalten.
Die Situation erfordert einen konstruktiven Dialog und die Bereitschaft aller Beteiligten, gemeinsame Lösungen zu finden. Andernfalls droht eine weitere Polarisierung, die die Handlungsfähigkeit und den Zusammenhalt der Kirchgemeinde langfristig beeinträchtigen könnte.





