In der Villa Flora in Winterthur trifft historische Kunst auf brandaktuelle politische Satire. Der bulgarische Künstler Nedko Solakov tritt in einen Dialog mit dem Schweizer Maler Félix Vallotton und zeigt, wie ein über 130 Jahre altes Werk die Gegenwart mit scharfem Witz kommentieren kann. Seine Auseinandersetzung mit Vallottons Holzschnitt «Die Attacke» von 1893 wird zu einem überraschend treffenden Kommentar zur politischen Lage in seinem Heimatland Bulgarien.
Das Wichtigste in Kürze
- Der bulgarische Künstler Nedko Solakov stellt in der Villa Flora in Winterthur aus.
- Seine Arbeit bezieht sich direkt auf den Holzschnitt «La charge» (Die Attacke) des Schweizer Künstlers Félix Vallotton aus dem Jahr 1893.
- Solakov nutzt Vallottons Darstellung von Polizeigewalt, um die aktuelle politische Situation in Bulgarien mit Ironie und Witz zu kommentieren.
- Die Ausstellung verdeutlicht die zeitlose Relevanz politischer Kunst und wie historische Werke als Inspirationsquelle für die Gegenwart dienen können.
Ein Dialog über die Jahrhunderte
Kunst hat oft die Fähigkeit, über ihre Entstehungszeit hinaus zu wirken und neue Bedeutungen zu entfalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür findet sich derzeit in der Villa Flora. Hier hat der international renommierte bulgarische Künstler Nedko Solakov eine Arbeit geschaffen, die direkt auf ein historisches Werk des Schweizer Künstlers Félix Vallotton reagiert.
Im Zentrum steht Vallottons Holzschnitt «La charge» aus dem Jahr 1893. Die Schwarz-Weiss-Grafik zeigt eine brutale Szene: Polizisten gehen mit erhobenen Knüppeln und geballten Fäusten auf eine Gruppe von Demonstranten los. Es ist ein Bild von staatlicher Gewalt, das die sozialen Spannungen am Ende des 19. Jahrhunderts einfängt.
Solakov, bekannt für seine humorvollen und oft selbstironischen Kommentare, greift dieses historische Motiv auf. Er isoliert einzelne Figuren, fügt eigene Zeichnungen und handschriftliche Notizen hinzu und schafft so eine völlig neue Erzählebene. Seine Interventionen verlagern die historische Szene in die Gegenwart und nutzen sie als Leinwand für eine kritische Auseinandersetzung mit der bulgarischen Politik.
Wer war Félix Vallotton?
Félix Vallotton (1865–1925) war ein schweizerisch-französischer Maler, Grafiker und Holzstecher. Er war Mitglied der Künstlergruppe Les Nabis und gilt als einer der wichtigsten Erneuerer des Holzschnitts. Seine Werke zeichnen sich durch klare Linien, starke Kontraste und oft eine subtile, aber scharfe Sozialkritik aus. Vallotton beobachtete das Pariser Leben genau und hielt Szenen des Alltags, aber auch politische Unruhen in seinen Grafiken fest.
Wenn Kunst prophetisch wird
Das Besondere an Solakovs Werk ist seine fast schon unheimliche Aktualität. Obwohl die künstlerische Arbeit bereits vor Monaten konzipiert und umgesetzt wurde, scheint sie die jüngsten politischen Turbulenzen in Bulgarien präzise vorwegzunehmen. Das Land befindet sich seit Jahren in einer Phase politischer Instabilität, die von Korruptionsskandalen, häufigen Wahlen und grossen Strassenprotesten geprägt ist.
Solakovs Interpretation von Vallottons «Attacke» wird so zu einem unerwartet treffenden Kommentar. Die dargestellte Konfrontation zwischen Staatsmacht und Bürgern ist ein Bild, das in den letzten Jahren nicht nur in Bulgarien, sondern weltweit immer wieder in den Nachrichten zu sehen war. Der Künstler nutzt den historischen Abstand, um mit Witz und Ironie auf die wiederkehrenden Muster politischer Konflikte hinzuweisen.
«Manchmal schafft ein Künstler etwas, und erst Monate später offenbart die Realität die volle Schärfe seiner Aussage. Das ist hier der Fall.»
Die Ausstellung in der Villa Flora lädt die Besucher dazu ein, über die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart nachzudenken. Wie hat sich die Darstellung von Protest und staatlicher Reaktion verändert? Welche Rolle spielt die Kunst als kritisches Korrektiv in einer Gesellschaft? Solakovs Arbeit gibt darauf keine einfachen Antworten, sondern stellt die Fragen auf eine intelligente und unterhaltsame Weise.
Politischer Protest in der Kunst
- Pablo Picasso, «Guernica» (1937): Ein monumentales Gemälde, das die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs anprangert.
- Käthe Kollwitz, «Nie wieder Krieg» (1924): Ein ikonisches Plakat, das zu einem Symbol der pazifistischen Bewegung wurde.
- Ai Weiwei: Der chinesische Künstler thematisiert in seinen Werken immer wieder Menschenrechtsverletzungen und mangelnde Meinungsfreiheit in seinem Heimatland.
Ein Spiel mit Witz und Schärfe
Nedko Solakovs künstlerische Handschrift ist unverwechselbar. Er kombiniert visuelle Elemente mit Text, oft in Form von kleinen, fast beiläufigen Kommentaren, die den Betrachter direkt ansprechen. Diese Texte sind mal humorvoll, mal nachdenklich, mal zynisch – aber immer präzise. Sie durchbrechen die Ernsthaftigkeit des Themas und machen es zugänglicher.
In seiner Auseinandersetzung mit Vallotton nutzt er diese Technik meisterhaft. Er kommentiert nicht nur die dargestellte Szene, sondern auch seine eigene Rolle als Künstler und die des Betrachters. Durch diesen Meta-Kommentar entsteht eine vielschichtige Arbeit, die sowohl eine politische Analyse als auch eine Reflexion über den Kunstbetrieb selbst ist.
Die Entscheidung, gerade ein Werk von Félix Vallotton als Ausgangspunkt zu wählen, ist dabei kein Zufall. Vallottons klare, reduzierte Bildsprache und sein scharfer Beobachtungssinn bieten eine ideale Grundlage für Solakovs eigene, ebenso präzise Kommentare. Der Dialog zwischen den beiden Künstlern funktioniert, weil sie eine ähnliche Haltung teilen: eine kritische, aber nicht hoffnungslose Sicht auf die menschliche Gesellschaft.
Die Ausstellung in der Villa Flora ist somit mehr als nur eine Gegenüberstellung zweier Künstler. Sie ist ein Beweis dafür, dass Kunst eine Brücke über die Zeit schlagen kann und dass die grossen Themen – Macht, Ungerechtigkeit und der Widerstand dagegen – universell sind. Solakovs Arbeit ist eine intelligente und humorvolle Erinnerung daran, wachsam zu bleiben und die Gegenwart kritisch zu hinterfragen.





