Der Kanton Zürich steht vor einer wiederkehrenden Herausforderung: Abstimmungen zeigen immer wieder einen deutlichen Gegensatz zwischen den urbanen Zentren Zürich, Winterthur und Uster und den ländlichen Gemeinden. Dieser sogenannte Stadt-Land-Graben beeinflusst maßgeblich die Ergebnisse wichtiger Vorlagen und stellt progressive Anliegen oft vor große Hürden. Die jüngsten Abstimmungen zum Vorkaufsrecht und zur Mobilitätsinitiative verdeutlichen dieses Muster einmal mehr.
Wichtige Erkenntnisse
- Städte wie Zürich und Winterthur stimmen progressiver ab.
- Ländliche Gemeinden bevorzugen oft konservativere Positionen.
- Für einen Abstimmungserfolg sind mindestens 225.000 Ja-Stimmen nötig.
- Die drei größten Städte erreichen zusammen nur etwa 117.000 Stimmen.
- Städtische Vorlagen benötigen mindestens 45% Unterstützung vom Land.
Der Einfluss der Bevölkerungsstruktur
Die unterschiedlichen Abstimmungsverhalten lassen sich oft auf die demografische und soziokulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung zurückführen. In den Städten Zürich, Winterthur und Uster leben tendenziell jüngere, weltoffenere und höher gebildete Menschen. Diese Gruppen neigen dazu, progressivere Vorlagen zu unterstützen, die oft soziale oder ökologische Aspekte betreffen.
Auf dem Land hingegen dominieren häufig ältere Generationen mit einer stärkeren Bindung an Tradition und lokale Gegebenheiten. Sie legen Wert auf Sicherheit und setzen sich eher für den Erhalt des Status quo ein. Diese Unterschiede manifestieren sich regelmäßig an der Urne und erschweren die Durchsetzung städtischer Anliegen im gesamten Kanton.
Faktencheck
- Durchschnittliche Stimmbeteiligung im Kanton Zürich: ca. 50%.
- Benötigte Stimmen für einen Erfolg: mindestens 225.000 (bei 50% Beteiligung).
Vergangene Abstimmungen als Indikator
Ein Blick in die Vergangenheit bestätigt das Bild des Stadt-Land-Grabens. Die Volksinitiative «Gegen Steuergeschenke für Grossaktionär:innen» der Alternativen Liste (AL) im Jahr 2022 ist ein prägnantes Beispiel. Obwohl diese Initiative kantonsweit mit einer knappen Mehrheit von 50,47 Prozent angenommen wurde, zeigten die Detailergebnisse einen klaren Bruch zwischen Stadt und Land.
Ähnliche Muster zeigten sich bei Abstimmungen zum Klimagesetz, der Anti-Chaoten-Initiative oder der Elternzeit. Hier stimmten Zürich und Winterthur fast immer progressiv, während viele ländliche Gemeinden ablehnend reagierten. Uster, als drittgrößte Stadt, unterstützte die urbanen Zentren dabei nicht immer, was die Situation für städtische Anliegen noch komplexer macht.
"Zürich und Winterthur können eine Initiative mit 60 Prozent Ja-Stimmen annehmen – und trotzdem verlieren. Das liegt daran, dass Gemeinden wie Hinwil und Andelfingen Nein sagen." – Beobachtung aus der Analyse zum Stadt-Land-Graben.
Herausforderungen für progressive Vorlagen
Die drei größten Städte des Kantons – Zürich, Winterthur und Uster – sind bei weitem nicht in der Lage, Abstimmungen im Alleingang zu entscheiden. Bei der Abstimmung zu den Steuergeschenken kamen sie beispielsweise zusammen auf lediglich 117.000 Stimmen. Um die kritische Marke von 225.000 Stimmen zu erreichen, fehlt also noch ein erheblicher Teil.
Dies bedeutet, dass selbst bei einer überdurchschnittlich hohen Mobilisierung in den Städten, progressive Vorlagen auf eine Unterstützung von mindestens 45 Prozent aus den ländlichen Gebieten angewiesen sind. Ohne diese breite Zustimmung ausserhalb der urbanen Zentren bleiben viele Anliegen der Städte chancenlos.
Aktuelle Abstimmungen: Vorkaufsrecht und Mobilitätsinitiative
Am kommenden Sonntag stehen zwei weitere wichtige Vorlagen zur Abstimmung: das Vorkaufsrecht und die Mobilitätsinitiative. Bei beiden Themen wird ein deutlicher Stadt-Land-Gegensatz erwartet. Das Vorkaufsrecht, welches die Wohnkrise lindern soll, hat dabei potenziell bessere Chancen auf Unterstützung aus der Agglomeration.
Die Mobilitätsinitiative, die ein Tempo-30-Verbot auf Hauptstrassen vorsieht, stößt voraussichtlich auf mehr Widerstand. Diese Massnahme betrifft die ländlichen Gemeinden oft weniger direkt und wird dort entsprechend kritischer beurteilt. Es bleibt abzuwarten, ob die Städte dieses Mal genügend ländliche Unterstützung mobilisieren können, um ihre Anliegen durchzusetzen.
Hintergrund: Stadt-Land-Monitor
Studien wie der kürzlich veröffentlichte "Stadt-Land-Monitor" von Sotomo analysieren die Ursachen dieses Grabens. Sie zeigen auf, dass die Menschen in urbanen Gebieten jünger, weltoffener und besser ausgebildet sind, was zu progressiveren Abstimmungsergebnissen führt. Auf dem Land hingegen sind die Wähler älter, regional stärker verbunden und tendieren zu konservativeren Entscheidungen.
Die Rolle von Uster
Uster, als drittgrößte Stadt im Kanton, spielt eine interessante Rolle in diesem dynamischen Kräfteverhältnis. Während Uster in vielen Fällen mit Zürich und Winterthur stimmt, gibt es auch Vorlagen, bei denen die Stadt eine abweichende Position einnimmt. Diese inkonsistente Unterstützung macht es für die urbanen Zentren noch schwieriger, eine verlässliche Mehrheit für ihre Anliegen zu finden.
Die politische Machtverteilung im Kanton Zürich ist ein komplexes Geflecht. Obwohl die Städte die treibenden Kräfte für viele moderne Entwicklungen sind, müssen sie lernen, die Bedürfnisse und Ansichten der ländlichen Bevölkerung stärker zu berücksichtigen. Nur so können Abstimmungen gewonnen und der Stadt-Land-Graben überbrückt werden, um gemeinsame Lösungen für den gesamten Kanton zu finden.
Die kommenden Abstimmungen werden zeigen, wie sich dieses Kräfteverhältnis weiterentwickelt und ob die städtischen Anliegen eine breitere Basis finden können. Es ist eine ständige Herausforderung, die unterschiedlichen Interessen innerhalb des Kantons in Einklang zu bringen und eine gemeinsame politische Richtung zu finden.





