Die Stiftung Denk an mich ermöglicht seit fast 60 Jahren Menschen mit Behinderungen Ferien und Freizeit. Was 1968 als befristete Radioaktion begann, hat sich zu einer wichtigen Institution entwickelt. Sie setzt sich heute verstärkt für eine inklusive Gesellschaft ein, wie Geschäftsführerin Sara Meyer betont. Jährlich bewilligt die Stiftung rund 2500 Gesuche, was den ungebrochenen Bedarf an Unterstützung verdeutlicht.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Stiftung Denk an mich unterstützt seit fast 60 Jahren Menschen mit Behinderungen bei Ferien- und Freizeitaktivitäten.
- Jährlich werden etwa 2500 Gesuche bewilligt, was den hohen Bedarf zeigt.
- Die Stiftung hat sich neu positioniert und fordert eine inklusive Gesellschaft, basierend auf der UNO-Behindertenrechtskonvention.
- Das Credo lautet heute: «Mit uns statt über uns» – Menschen mit Behinderungen sollen mitentscheiden.
- Medien wie SRF tragen mit «Erlebnisberichten» zur Sensibilisierung und Transparenz bei.
Ursprung einer Bewegung für Teilhabe
Die Geschichte der Stiftung Denk an mich begann Ende der 1960er-Jahre. Die Radiomoderatorin Jeannette und ihr Kollege Martin Plattner starteten eine Radioaktion. Ihr Ziel war es, Kindern mit Behinderungen zwei Wochen Sommerferien zu ermöglichen. Diese kurzfristige Idee löste eine enorme Spendenbereitschaft aus.
Es kamen 100.000 Franken zusammen, weit mehr als erwartet. Aus diesem unerwarteten Erfolg gründete das Ehepaar Plattner 1968 die Stiftung Denk an mich. Seither unterstützt die Organisation Menschen mit Behinderungen dabei, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dies geschieht durch die Finanzierung von Ferien- und Freizeitaktivitäten.
Zahlen und Fakten
- Gründung der Stiftung: 1968
- Anzahl bewilligter Gesuche pro Jahr: ca. 2500
- Auslöser: Radioaktion mit 100.000 Franken Spendengeldern
Ungebrochener Bedarf und Paradigmenwechsel
Fast sechzig Jahre nach ihrer Gründung ist die Stiftung Denk an mich noch immer hochrelevant. Sara Meyer, die Geschäftsführerin, bestätigt dies. «Es ist traurig, doch die Situation für Menschen mit Behinderungen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt nicht verbessert», erklärt sie. Viele Betroffene können sich Ferien oder Freizeitangebote schlicht nicht leisten.
Der Bedarf an Unterstützung ist ungebrochen. Die Stiftung bewilligt jährlich rund 2500 Gesuche. Diese Zahl umfasst nur diejenigen Anträge, die den Stiftungszweck erfüllen. Dies zeigt, wie gross die Lücke in der Versorgung immer noch ist.
«Wir haben einen riesigen Paradigmenwechsel hinter uns. Früher war die allgemeine Haltung, dass Menschen mit Behinderungen arme Leute seien, denen man helfen muss. Diese Denkweise ist jedoch völlig überholt.»
Sara Meyer, Geschäftsführerin Stiftung Denk an mich
Von Fürsorge zu Inklusion
Obwohl der Bedarf konstant bleibt, hat die Stiftung ihre Positionierung in den letzten Jahren angepasst. Ein wesentlicher Grund dafür ist die 2014 von der Schweiz ratifizierte UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK). Die Schweiz hat sich damit zu einer inklusiven Gesellschaft verpflichtet.
Sara Meyer beschreibt einen grundlegenden Wandel im Denken. Die frühere Haltung, Menschen mit Behinderungen als hilfsbedürftig zu betrachten, ist überholt. Heute liegt der Fokus darauf, gesellschaftliche Barrieren abzubauen. «Es ist nicht das Individuum, das mit der Welt nicht zugange kommt. Vielmehr ist es die Gesellschaft, die zu viele Barrieren geschaffen hat», erläutert Meyer.
UNO-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)
Die UN-BRK ist ein internationales Abkommen, das die Rechte von Menschen mit Behinderungen schützt und fördert. Sie wurde 2006 verabschiedet und von der Schweiz 2014 ratifiziert. Ihr Ziel ist es, die volle und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an allen Lebensbereichen zu gewährleisten.
Dieses Umdenken führt zu einer verstärkten Forderung der Betroffenen, selbst mitgestalten und mitentscheiden zu können. «‹Mit uns statt über uns›, lautet das Credo heute», fasst Sara Meyer zusammen. Es geht um aktive Partizipation und Selbstbestimmung.
Medien als Brücke zur Gesellschaft
Die Stiftung nutzt verschiedene Kanäle, um ihre Botschaft zu verbreiten und Spenden zu generieren. Auf Radio SRF 1 wird jeden Samstagmorgen eine Sendung ausgestrahlt. Darin erzählen Menschen mit Behinderungen selbst, was sie dank der Stiftung Denk an mich unternehmen konnten. Dieses Format, die «Erlebnisberichte», hat mehrere Funktionen.
«Zum einen sensibilisiert es Menschen, die keine Berührungspunkte zum Thema haben, für die Barrieren, mit denen Betroffene tagtäglich konfrontiert sind», sagt Meyer. Zum anderen geht es um Repräsentation. Es wird nicht über die Beteiligten berichtet, sondern sie erzählen direkt aus ihrer Erlebniswelt. Dies fördert die Transparenz und zeigt, was mit den Spendengeldern geschieht.
Auf SRF Musikwelle kommen in den «Spendengeschichten» auch Spenderinnen und Spender zu Wort. «Diese Sendung ist ebenfalls wichtig. Wir bleiben in Erinnerung», erklärt Meyer. Viele Menschen unterstützen die Stiftung, weil sie diese Geschichten hören. Einige nehmen die Stiftung sogar in ihr Testament auf, oft ohne vorher gespendet zu haben.
Sensibler Sprachgebrauch und Medienverantwortung
Sara Meyer legt grossen Wert auf den richtigen Sprachgebrauch. Sie verwendet stets den Begriff «Menschen mit Behinderungen». Dies orientiert sich an den Begrifflichkeiten der UN-BRK. Bewusst verzichtet die Stiftung auf Formulierungen wie «Menschen mit Beeinträchtigungen». Solche Begriffe könnten implizieren, dass das eine «normal» und das andere «beschädigt» sei.
Beim Begriff «Menschen mit Behinderungen» hingegen geht es um die Umgebung. Sie ist es, was die Menschen in ihrem Zugang zu Angeboten behindert. «Es ist wichtig, dass wir gegenüber Menschen mit Behinderungen weder die Opfer- noch die Heldenperspektive einnehmen», betont Meyer.
Sprachliche Sensibilität
- Bevorzugter Begriff: «Menschen mit Behinderungen»
- Grund: Orientierung an UN-BRK, Fokus auf gesellschaftliche Barrieren
- Vermeidung: «Menschen mit Beeinträchtigungen» oder Opfer-/Heldenperspektive
Meyer sieht auch die SRG in der Pflicht. Journalistinnen und Journalisten können viel erreichen, indem sie bewusst mit dem Thema Behinderung umgehen und eine klischeefreie Sprache verwenden. Oftmals werde beispielsweise davon gesprochen, dass es eine «Bereicherung» sei, wenn Menschen mit Behinderungen partizipieren. «Das stimmt so nicht. Jeder Mensch, der teilnimmt, ist eine Bereicherung. Es sollte selbstverständlich sein, dass Teilhabe für alle möglich ist», korrigiert Meyer.
Die SRG mache grundsätzlich bereits vieles richtig. Das Thema wurde lanciert. Zudem gibt es ein Diversity Board, das für das Thema verantwortlich ist. So gerät es nicht in Vergessenheit. Ein Pilotworkshop zum Thema klischeefreie Sprache war gut besucht, was erfreulich ist. Dennoch sei es ein langer Weg, alle Mitarbeitenden an Bord zu holen. «Wir reden hier nicht von einer Nische. Leben mit Behinderung ist keine Ausnahme», mahnt Meyer.
Behinderung betrifft viele und ihre Angehörigen
Sara Meyer betont, dass rund 20 Prozent der Bevölkerung mit Behinderungen leben. Nur ein kleiner Teil ist von Geburt an betroffen. Bei einem Grossteil treten Behinderungen erst im Verlauf des Lebens auf. Dies verdeutlicht, dass das Thema Behinderung weit verbreitet ist und jeden treffen kann.
Auch die Angehörigen sind betroffen. Sie erleben ebenfalls, was es heisst, wenn ihre Umwelt nicht barrierefrei ist. Die Herausforderungen reichen weit über die direkt betroffene Person hinaus und beeinflussen das gesamte soziale Umfeld.
Seit über sieben Jahren ist Sara Meyer Geschäftsführerin der Stiftung Denk an mich. Viele Geschichten sind ihr in dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben. «Es ist bewegend, was Menschen mit Behinderungen aushalten müssen», sagt sie.
Eine Geschichte hat sie besonders berührt: Ein junger Mann, motorisch stark eingeschränkt und im Rollstuhl, wollte segeln gehen. Autofahren war ihm nicht möglich. Doch in einer Spezialjolle allein über den See zu fahren, das ging. «Für ihn bedeutete das die Welt», erinnert sich Meyer. Solche Erlebnisse zeigen den tiefen Sinn und die Wichtigkeit der Arbeit der Stiftung Denk an mich.





