Der Flughafen Zürich ist in der Ferienzeit ein Ort der Hektik und Vorfreude. Doch hinter den Kulissen warten Seelsorger auf jene, die in dieser schnelllebigen Umgebung unerwartet Hilfe oder ein offenes Ohr benötigen. Ihre Arbeit reicht von alltäglichen Sorgen der Flughafenmitarbeitenden bis hin zu dramatischen Schicksalsschlägen von Reisenden.
Wichtige Punkte
- Die Flughafenseelsorge Zürich ist 24 Stunden am Tag erreichbar.
- Täglich suchen 200 bis 250 Menschen den interreligiösen Andachtsraum auf.
- Die Seelsorge unterstützt Reisende, Mitarbeitende und Asylsuchende.
- Häufige Themen sind Arbeitsplatzsorgen, Beziehungsprobleme und psychische Notlagen.
- Flugangst ist überraschenderweise kein Hauptthema.
Die stille Arbeit im Herzen des Flughafens
Während viele Menschen den Flughafen Zürich als Tor zur Welt erleben, birgt er auch Geschichten von Kummer und Verzweiflung. Rhea Schait, reformierte Flughafenseelsorgerin, und ihr Team bieten einen wichtigen Ankerpunkt für Menschen in Not. Ihre Präsenz ist oft unbemerkt, doch ihre Unterstützung ist entscheidend.
Überraschenderweise ist die Ferienzeit für die Seelsorger nicht die arbeitsreichste Phase. Frau Schait erklärt: "Zum einen halten sich trotz der vielen Menschen die saisonalen psychischen Probleme in Grenzen, wie etwa Depressionen, die im Zeitraum Herbst-Winter deutlich mehr auftreten." Die Menschen reisen mit Vorfreude und kehren meist glücklich zurück.
Ein Ort der Ruhe
Im Check-in 2 des Flughafens Zürich befindet sich ein interreligiöser Andachtsraum. Dieser Raum ist 24 Stunden täglich geöffnet und wird von schätzungsweise 200 bis 250 Personen pro Tag aufgesucht. Direkt daneben befinden sich die Büros der Flughafenseelsorge.
Vielfältige Aufgaben: Von Mitarbeitenden bis zu Asylsuchenden
Die Arbeit der Flughafenseelsorge ist breit gefächert. Rund 50 Prozent ihres Arbeitspensums entfällt auf die Betriebsseelsorge für die Flughafenmitarbeitenden. Hier geht es oft um Alltagssorgen wie Angst vor Arbeitsplatzverlust, ungerechte Behandlung oder Beziehungsprobleme. Obwohl die Mitarbeitenden in der Ferienzeit starkem Stress ausgesetzt sind, fehlt ihnen oft die Zeit für Gespräche.
Ein weiterer wichtiger Bereich betrifft die psychischen Notlagen von Asylsuchenden. Diese Menschen leben teilweise bis zu zwei Monate im geschlossenen Bereich des Flughafens. "Dies kann für die Betroffenen sehr belastend sein, weil sie in dieser Zeit nicht wissen, ob sie jemals einreisen dürfen oder direkt vom Flughafen aus in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden", so Schait.
Reisende in emotionalen Ausnahmesituationen
Auch Reisende suchen die Seelsorge auf. Entgegen der landläufigen Meinung ist Flugangst kein grosses Thema. Eher geht es um das Gefühl des Kontrollverlusts während des Fliegens. Frau Schait beschreibt es so: "Beim Autofahren etwa hat man zwar trotz der Gefahr, dass sich ein Unfall ereignen könnte, das Gefühl, selbst auf die Fahrt einwirken zu können. Beim Fliegen ist das Vertrauenssache, weil man, wie gesagt, die Kontrolle abgibt."
Manchmal sind es aber auch ernstere psychische Probleme. "Dann gibt es vermehrt auch Reisende, die zu uns gelangen, weil sie an paranoider Schizophrenie leiden", berichtet Schait. Diese Menschen fühlen sich verfolgt und sind deshalb fern ihrer Heimat unterwegs.
Hintergrund der Flughafenseelsorge
Die Flughafenseelsorge am Flughafen Zürich ist ein ökumenisches Angebot der reformierten und katholischen Kirche. Sie bietet Menschen aller Glaubensrichtungen und Weltanschauungen Unterstützung an. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger sind Ansprechpersonen für persönliche Gespräche, Krisenintervention und spirituelle Begleitung.
Dramatische Einsätze und tiefe Erfüllung
Die Arbeit bringt auch dramatische Momente mit sich. Rhea Schait erinnert sich an eine Frau, die ihren Anschlussflug nach Südamerika verpasste. Sie wollte zur Beerdigung ihrer Mutter fliegen. Die Seelsorge gestaltete mit ihr ein Abschiedsritual im Andachtsraum. Solche Einsätze zeigen die Bandbreite der emotionalen Unterstützung, die hier geleistet wird.
Der traumatischste Einsatz in ihrer zehnjährigen Dienstzeit betraf ein Ehepaar. "Das war, als ich zusammen mit der Polizei einem Ehepaar, das in Zürich gelandet war, mitteilen musste, dass ihr zweijähriges Kind während ihrer Abwesenheit bei einem Unfall ums Leben gekommen war", erzählt Schait. In solchen Momenten gehe es darum, einfach da zu sein und zuzuhören. Den Schmerz könne man den Menschen nicht abnehmen.
"In einer solchen Situation kann man nicht viel mehr tun, als da zu sein und zuzuhören. Den Schmerz kann ich den Menschen auch als Seelsorgerin nicht abnehmen."
Trotz der Herausforderungen empfindet Rhea Schait ihre Arbeit als sehr erfüllend. "Die Tätigkeit als Flughafenseelsorgerin erfüllt mich als reformierte Pfarrerin sehr", sagt sie. Es sei die Möglichkeit, Zeit für Menschen, ihre Sorgen und Freuden zu haben, was im Gemeindepfarramt oft zu kurz komme.
Persönliche Haltung zum Reisen
Interessanterweise verspürt Rhea Schait selbst keinen grossen Wunsch, viel zu fliegen. Sie versucht, so wenig wie möglich zu fliegen, "um einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten". Dies zeigt eine persönliche Haltung, die im Kontrast zu ihrem Arbeitsumfeld steht, aber ihre Werte widerspiegelt.
Die Flughafenseelsorge Zürich ist ein wichtiger, oft unsichtbarer Pfeiler im Betrieb des Flughafens. Sie bietet einen Raum für Menschlichkeit und Unterstützung in einer Welt, die sich ständig bewegt und wo Emotionen oft unter der Oberfläche brodeln.





