Das Schweizer Gesundheitswesen steht vor erheblichen Herausforderungen. Fachkräftemangel, wirtschaftlicher Druck und neue regulatorische Vorgaben zwingen Spitäler zu strukturellen Anpassungen. Diese Entwicklungen betreffen sowohl grosse Klinikgruppen als auch regionale Spitäler und wirken sich direkt auf die Patientenversorgung aus.
Wichtigste Erkenntnisse
- Fachkräftemangel und wirtschaftlicher Druck prägen die Spitallandschaft.
- Spitäler verlagern stationäre Angebote und fokussieren sich neu.
- Geburtenstationen und Babyfenster sind von Schliessungen betroffen.
- Lohnmassnahmen sollen Attraktivität als Arbeitgeber steigern.
- Telemedizin und innovative Projekte wie «Hospital at Home» gewinnen an Bedeutung.
Strukturelle Anpassungen im Spitalwesen
Die Schweizer Spitäler reagieren auf den zunehmenden Druck mit weitreichenden Massnahmen. Eine solche Entwicklung zeigt sich exemplarisch bei der Lindenhofgruppe in Bern. Sie hat beschlossen, ihre stationären Leistungsangebote und die Physiotherapie vom Engeriedspital zu den Standorten Lindenhof und Sonnenhof zu verlagern. Diese Umstrukturierung wird bis Dezember 2025 abgeschlossen sein. Die ambulanten radiologischen Leistungen bleiben am Standort Engeried erhalten.
Die Gründe für solche Entscheidungen sind vielfältig. Ein zentraler Faktor ist der Fachkräftemangel. Es fehlt an diplomierten Pflegefachkräften, Ergotherapeuten und anderem medizinischen Personal. Zusätzlich spielen wirtschaftliche Aspekte und neue regulatorische Vorgaben eine entscheidende Rolle. Spitäler müssen ihre Effizienz steigern und gleichzeitig eine qualitativ hochwertige Versorgung sicherstellen.
Fakten zum Fachkräftemangel
- In der Schweiz werden weiterhin Pflegefachkräfte gesucht.
- Deutschland lockt mit Schweizer Gehältern, was den Druck hierzulande erhöht.
- Offene Stellen umfassen Bereiche wie Herzkatheterlabor, Palliative Care und Ergotherapie.
Lohnmassnahmen zur Mitarbeiterbindung
Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen, investieren Spitäler in ihre Mitarbeiter. Die Lindenhofgruppe hat für 2026 Lohnmassnahmen in Höhe von insgesamt 1 Prozent der Lohnsumme beschlossen. Diese Erhöhung soll die Position der Gruppe als attraktiver Arbeitgeber im Gesundheitswesen weiter stärken.
Solche Massnahmen sind wichtig, um qualifiziertes Personal zu halten und neues zu gewinnen. Der Wettbewerb um Fachkräfte ist intensiv, auch international. Berichte zeigen, dass Schweizer Gehälter Pflegende aus dem Ausland anziehen, was wiederum Auswirkungen auf die Versorgung in den Herkunftsländern hat.
«Die Investition in unser Personal ist entscheidend, um auch in Zukunft eine exzellente Patientenversorgung gewährleisten zu können», erklärt ein Sprecher der Lindenhofgruppe.
Schliessung von Geburtenstationen und neue Lösungen
Besonders betroffen von den Umstrukturierungen sind oft kleinere Abteilungen, wie Geburtenstationen. Nach der Schliessung der Geburtenabteilung in Einsiedeln musste auch das erste Babyfenster der Schweiz umziehen. Es befindet sich neu am Spital Schwyz. Diese Verlagerungen stellen für Familien in ländlichen Gebieten eine Herausforderung dar.
Auch im Berner Oberland gibt es ähnliche Entwicklungen. Nach der Schliessung der Geburtshilfe am Spital Frutigen kam es vermehrt zu ungewollten Haus- und Autogeburten. Als Reaktion darauf haben fünf ehemalige Beleghebammen eine eigene Praxis in der Region gegründet. Sie wollen die entstandene Lücke schliessen und Frauen in der Schwangerschaft und bei der Geburt unterstützen.
Regionale Auswirkungen
Die Schliessung von Geburtenstationen in kleineren Spitälern führt zu längeren Anfahrtswegen für werdende Mütter. Dies kann in Notfällen kritisch werden und erfordert neue, dezentrale Lösungen wie Hebammenpraxen oder spezialisierte Ambulanzen.
Sorgen um die Zukunft der Geburtshilfe
Die Diskussionen um die Schliessung von Geburtenstationen sind noch nicht abgeschlossen. Ein Luzerner Kinderarzt und SVP-Politiker äussert sich besorgt über die Zukunft der Geburtsabteilung am Spital Wolhusen. Er hat eine Motion eingereicht, um die Abteilung zu erhalten. Auch am Regionalspital Surselva in Ilanz steht die Geburtshilfe auf der Kippe. Kinderarzt Benedikt Malin kritisiert hier, dass seine bevorstehende Pensionierung als Begründung für eine Schliessung herangezogen wird.
Diese Beispiele zeigen, wie eng die Personalfrage mit der Aufrechterhaltung medizinischer Angebote verbunden ist. Wenn spezialisierte Ärzte oder Pflegende fehlen, geraten ganze Abteilungen in Gefahr.
Innovative Ansätze und Telemedizin
Angesichts der Engpässe suchen Spitäler und Gesundheitsdienstleister nach innovativen Lösungen. Telemedizin spielt dabei eine immer grössere Rolle. Eine neue Studie zeigt, dass dank der sogenannten Kids Line viele Eltern auf unnötige Notfallbesuche verzichten. Dies entlastet die überfüllten Notaufnahmen, die insbesondere in Wintersportregionen wie dem Wallis durch Sportverletzungen an ihre Grenzen stossen.
Ein weiteres zukunftsweisendes Projekt ist «Hospital at Home». Das Kantonsspital Baden (KSB) zieht nach 18 Monaten eine erste Zwischenbilanz zu diesem Pilotprojekt. Es ermöglicht Patienten, bestimmte Behandlungen und Überwachungen in ihrem eigenen Zuhause zu erhalten, anstatt im Spital zu bleiben. Dies kann die Spitäler entlasten und den Patientenkomfort erhöhen.
Vorteile der Telemedizin
- Entlastung der Notaufnahmen
- Besserer Zugang zu medizinischem Rat
- Reduzierung unnötiger Fahrten
- Effizientere Nutzung von Ressourcen
Kooperationen und Spezialisierung
Spitäler setzen vermehrt auf Kooperationen, um ihre Leistungsangebote zu optimieren. Das Spital Menziken bietet beispielsweise Sprechstunden mit einer Gynäkologin des Luzerner Kantonsspitals (LUKS) aus Sursee an. Die neue Spital-Direktorin in Menziken, Sandra Lambroia Groux, strebt noch mehr solcher Zusammenarbeiten an. Diese Modelle ermöglichen es kleineren Spitälern, spezialisierte Leistungen anzubieten, ohne selbst das gesamte Personal vorhalten zu müssen.
Auch die Besetzung von Chefarztstellen ist ein wichtiger Schritt zur Spezialisierung. Das Kantonsspital Uri hat die Chefarztstelle in der Schmerzmedizin mit Konstantinos Boviatsis besetzt. Solche gezielten Personalentscheidungen stärken die Fachkompetenz der Spitäler in spezifischen Bereichen.
Sicherheit für medizinisches Personal
Ein weiteres wichtiges Thema ist der Schutz des medizinischen Personals vor Gewalt. In Deutschland wurde ein neuer Paragraph eingeführt, um medizinisches Personal besser vor Gewalt am Arbeitsplatz zu schützen. In der Schweiz gibt es bisher punktuelle Vorstösse, ein nationales Monitoring lehnt der Bundesrat jedoch ab. Der Schutz des Personals ist entscheidend, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und den Beruf attraktiver zu machen.
Die Überlastung des Personals, wie sie beispielsweise beim HFR (Hôpital Fribourgeois) zur Verschiebung von Operationen führt, zeigt die Dringlichkeit dieser Problematik. Ein sicheres Arbeitsumfeld ist eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesundheitsversorgung.
Fazit und Ausblick
Die Schweizer Spitallandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Der Druck durch Fachkräftemangel, wirtschaftliche Zwänge und regulatorische Anforderungen wird voraussichtlich anhalten. Spitäler müssen weiterhin flexibel agieren, ihre Angebote spezialisieren und innovative Lösungen wie Telemedizin und «Hospital at Home» vorantreiben. Die Förderung des Personals durch attraktive Löhne und sichere Arbeitsbedingungen bleibt dabei ein zentraler Erfolgsfaktor. Die Zukunft des Gesundheitswesens wird massgeblich davon abhängen, wie gut diese Herausforderungen gemeistert werden.





