Ein neues Gutachten im Auftrag des Bundes sorgt in Winterthur für grosse Beunruhigung. Mehrere zentrale Infrastrukturprojekte, darunter der geplante A1-Tunnel in Töss, die neue Bahnhaltestelle Grüze-Nord und der Umbau des Bahnhofs Oberwinterthur, wurden als nicht vordringlich eingestuft. Dies könnte die Stadtentwicklung um Jahrzehnte zurückwerfen.
Der Stadtrat von Winterthur zeigte sich "alarmiert" über die Empfehlungen des Berichts, der von der ETH Zürich im Auftrag des Bundesamts für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation erstellt wurde. Die Stadt befürchtet, dass die Neubewertung die langfristige Planung in wichtigen Wachstumsgebieten massiv gefährdet.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein ETH-Gutachten für den Bund stuft drei grosse Winterthurer Bauprojekte herab.
- Der geplante A1-Tunnel in Winterthur-Süd könnte sich bis nach 2045 verzögern.
- Die neue Bahnhaltestelle Grüze-Nord erhält die niedrigste Prioritätsstufe.
- Auch der Umbau des Bahnhofs Oberwinterthur wird als zu teuer bewertet und soll überdacht werden.
- Der Stadtrat will auf politischer Ebene gegen die Empfehlungen kämpfen.
Unsicherheit um den A1-Ausbau in Töss
Das wohl bekannteste Projekt, das nun auf der Kippe steht, ist die städtebauliche Neugestaltung von Winterthur-Süd. Kernstück der Pläne ist der Ausbau der Autobahn A1 auf sechs Spuren, idealerweise mit einer Verlegung des Verkehrs in den sogenannten Ebnet-Tunnel. Doch das neue Gutachten empfiehlt, diesem Vorhaben erst nach dem Jahr 2045 eine "mögliche Priorität" einzuräumen.
Diese Empfehlung würde eine Realisierung des rund eine Milliarde Franken teuren Projekts weit in die Zukunft verschieben. Statt eines möglichen Baubeginns um 2036 könnte es nun bis 2065 dauern – wenn das Projekt überhaupt noch umgesetzt wird. Als Begründung führen die Experten an, dass zur Stauvermeidung vorerst die Nutzung des Pannenstreifens als zusätzliche Fahrspur ausreichen müsse.
Hintergrund: Die Vision für Winterthur-Süd
Die Verlegung der A1 in einen Tunnel ist mehr als nur ein Verkehrsprojekt. Die Stadt Winterthur sieht darin eine Chance zur "Stadtreparatur". Die frei werdende Fläche des heutigen Autobahntrasses würde Raum schaffen für einen neuen S-Bahnhof Dättnau, Wohn- und Gewerbegebiete sowie grosszügige Grünflächen. Zudem könnte der Fluss Töss renaturiert und ein ganzes Stadtquartier vom Lärm der Autobahn befreit werden.
Jahrelange Planung in Gefahr
Die Planungen für den A1-Ausbau laufen beim Bundesamt für Strassen (Astra) bereits seit 2016. Die Idee des Tunnels wurde 2022 von der Stadt Winterthur eingebracht und vom Kanton Zürich positiv aufgenommen und im Richtplan verankert. Das Astra prüfte diese Variante seither als ernsthafte Option.
Die neue Bewertung aus Bern kommt für die Stadt überraschend und stellt die bisherigen Anstrengungen infrage. Die Vision einer umfassenden Aufwertung des südlichen Stadteingangs droht damit zu platzen.
Zwei weitere Dämpfer für die Stadtentwicklung
Der Bericht der ETH-Experten enthält jedoch weitere schlechte Nachrichten für Winterthur. Zwei andere für die Stadtentwicklung als zentral erachtete Projekte wurden ebenfalls negativ bewertet.
Bahnhof Grüze-Nord auf dem Abstellgleis
Die geplante S-Bahn-Haltestelle Grüze-Nord erhielt die niedrigste Prioritätsstufe 6 und wird als "langfristig nicht prioritär" eingestuft. Aus Sicht der Stadt ist diese Haltestelle ein entscheidendes Puzzleteil für die Entwicklung des Grüze-Areals, eines der wichtigsten Wachstumsgebiete Winterthurs.
Besonders problematisch ist diese Einstufung, da die Infrastruktur bereits auf den neuen Bahnhof ausgerichtet wird. In rund einem Jahr wird die 300 Meter lange Leonie-Moser-Brücke eröffnet, die als Bus- und Veloverbindung konzipiert wurde und auf das Umsteigepotenzial eines zweiten Bahnhofs in der Grüze abgestimmt ist. Ohne die Haltestelle Grüze-Nord verliert die neue Brücke einen Teil ihrer geplanten Funktion.
Fakten zur Haltestelle Grüze-Nord
- Ziel: Bessere Anbindung des Entwicklungsgebiets Grüze.
- Funktion: Zusätzlicher Halt für Züge Richtung Oberwinterthur und Frauenfeld.
- Effekt: Verdoppelung der ÖV-Anschlüsse im Gebiet.
- Bewertung im Gutachten: Priorität 6 (tiefste Stufe).
Bahnhof Oberwinterthur als zu teuer eingestuft
Auch für den Bahnhof Oberwinterthur gibt es einen Dämpfer. Der geplante Komplettumbau erhielt die Priorität 4, was einem "plausiblen Bedarf" entspricht, das Projekt aber als zu kostspielig einstuft. Die Experten fordern die Suche nach günstigeren Alternativen.
Die Stadt verfolgt mit dem Umbau grosse Ziele: Der heutige Quartierbahnhof soll zu einer modernen "Mobilitätsdrehscheibe" ausgebaut werden. Dies ist ein zentraler Baustein im Masterplan, die Stadtteile Hegi und Oberwinterthur besser miteinander zu verbinden und das Verdichtungspotenzial rund um den Bahnhof zu nutzen.
Stadtrat reagiert alarmiert und kämpferisch
Die Stadtregierung von Winterthur reagierte umgehend mit einer Medienmitteilung auf die Veröffentlichung des Berichts. Der Stadtrat sei "alarmiert" darüber, dass das Gutachten die Wichtigkeit der Projekte für die Stadtentwicklung verkenne. Die Neubewertung sei ein "grosser Fehler", der Winterthur "entscheidend zurückzuwerfen" drohe.
"Für uns war das ein Schock. Schliesslich haben wir seitens Astra und SBB bislang stets positives Feedback bekommen."
Bauvorsteherin Christa Meier betonte, dass es sich bei dem Bericht um eine fachliche Einschätzung handle und noch keine politischen Entscheidungen gefallen seien. "Auf der politischen Ebene fangen die Diskussionen jetzt erst an", so Meier. Die Stadt müsse nun auf kantonaler und nationaler Ebene Überzeugungsarbeit leisten.
Die nächsten Schritte
Der Stadtrat will nun das Gespräch mit Entscheidungsträgern suchen, um die Dringlichkeit der drei Projekte zu verdeutlichen. Man sei zuversichtlich, da man in der Vergangenheit bereits erfolgreich lobbyiert habe, um die Projekte überhaupt erst auf die Agenda zu bringen.
Auf die Frage, welches Projekt am schmerzlichsten wäre, sollte es scheitern, nannte Meier kurzfristig die Haltestelle Grüze-Nord, da mit der bald fertigen Leonie-Moser-Brücke bereits Fakten geschaffen wurden. Langfristig wäre das Scheitern des Tunnels in Winterthur-Süd besonders bitter, da dies eine einmalige Chance zur "echten Stadtreparatur" wäre, so die Stadträtin.





