Tausende Bauarbeiter haben heute in Zürich für bessere Arbeitsbedingungen und faire Löhne demonstriert. Der Protestmarsch, organisiert von der Gewerkschaft Unia, führte vom Kanzleiareal zum Hauptsitz des Schweizerischen Baumeisterverbands. Die Forderungen betreffen unter anderem die Arbeitszeiten, bezahlte Pausen und den Teuerungsausgleich im neuen Landesmantelvertrag (LMV).
Wichtige Punkte
- Tausende Bauarbeiter demonstrierten in Zürich.
- Forderungen: bessere Arbeitszeiten, bezahlte Pausen, Teuerungsausgleich.
- Verhandlungen für neuen Landesmantelvertrag sind festgefahren.
- Unia weist Gewaltvorwürfe bei früheren Aktionen zurück.
- 89 Prozent der Bauarbeiter stimmten für Streiks.
Massiver Protest gegen Baumeisterverband
Die Demonstration in Zürich ist der Höhepunkt einer Serie von Protestaktionen. Bereits am Vormittag versammelten sich Hunderte, später Tausende Bauarbeiter auf dem Kanzleiareal. Sie kamen von Baustellen aus der ganzen Region, die für den heutigen Tag stillgelegt wurden. Die Stimmung war entschlossen, die Forderungen klar formuliert.
Chris Kelley, Co-Leiter der Sektion Bau bei der Unia, sprach vor den Anwesenden. Er betonte die unverzichtbare Rolle der Bauarbeiter für das Land. „Ohne Bauarbeiter geht nichts in diesem Land! Bauarbeiter haben mehr Respekt verdient“, rief Kelley. Er kritisierte den Baumeisterverband scharf, der seit Monaten die Verhandlungen blockiere und längere Arbeitszeiten bei geringerem Lohn anstrebe.
Fakten und Zahlen
- 89 Prozent der Bauarbeiter stimmten in einer Umfrage für Streiks.
- Rund 20'000 Bauarbeiter beteiligten sich an der Abstimmung.
- Ein vertragsloser Zustand droht erstmals seit über zehn Jahren.
Forderungen der Bauarbeiter im Detail
Die Kernforderungen der Bauarbeiter zielen auf eine deutliche Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen ab. Sie fordern familienfreundlichere Arbeitszeiten. Eine bezahlte Znüni-Pause ist ein weiterer zentraler Punkt. Zudem soll die unbezahlte Reisezeit abgeschafft werden.
Ein gesicherter Teuerungsausgleich ist ebenfalls eine wichtige Forderung, um die Kaufkraft der Löhne zu erhalten. Die Verhandlungen für den neuen Landesmantelvertrag, der Ende 2025 ausläuft, sind seit Monaten festgefahren. Ohne eine Einigung droht ein vertragsloser Zustand, was weitreichende Konsequenzen hätte.
«Es kann nicht sein, dass wir künftig mehr Stunden arbeiten sollen – und dafür weniger Lohn bekommen.»
Konfliktpunkte mit dem Baumeisterverband
Die Unia wirft dem Baumeisterverband vor, zusätzliche Gespräche abgelehnt und an harten Forderungen festgehalten zu haben. Dazu gehören laut Unia eine 50-Stunden-Woche, mehr Überstunden zu tieferer Entschädigung und Arbeit auf Abruf. Auch der Wegfall des 25-Prozent-Zuschlags auf Samstagsarbeit und erleichterte Kündigungen für ältere Bauarbeiter stehen im Raum.
Besonders brisant ist die Forderung, dass die Mindestlöhne für ausgelernte Bauarbeiter in den ersten fünf Jahren nach Lehrabschluss um bis zu 25 Prozent unterschritten werden dürfen. Diese Punkte stossen bei den Gewerkschaften und den Bauarbeitern auf heftigen Widerstand.
Hintergrund der Proteste
Der aktuelle Landesmantelvertrag (LMV) im Bauhauptgewerbe läuft Ende 2025 aus. Die Verhandlungen für einen neuen Vertrag sind seit geraumer Zeit blockiert. Die Branche leidet zudem unter einer anhaltenden Personalkrise, die die Arbeitsbedingungen zusätzlich unter Druck setzt.
Solidarität und Kritik an Nicht-Streikenden
Viele Bauarbeiter zeigten sich solidarisch mit dem Streik. Maurerlehrling Simao, 23, der seit vier Jahren auf dem Bau arbeitet, spielte vor dem Demonstrationszug noch an der Torwand. Er hofft auf bessere Bedingungen, besonders bei den Arbeitszeiten und der Znüni-Pause. «Ich bin mir sicher, dass ich die nächsten 40 Jahre auf der Baustelle arbeiten werde. Ich liebe meinen Beruf», sagte er.
Simao äusserte sich enttäuscht über Kollegen, die nicht streiken. «Die sind einfach faul und haben Angst vor ihren Chefs. Ich weiss, dass sie auch bessere Konditionen wollen, aber sie denken, wir Streikenden regeln das dann schon.» Polier Pablo, 39, bestätigte, dass viele Angst vor Kündigungen hätten.
Vorwürfe gegen die Unia und deren Zurückweisung
In den letzten Wochen kam es zu teils chaotischen Szenen bei Protesten, etwa in Erlinsbach AG und Basel. Dort sollen vermummte Personen in Unia-Kleidung Baustellen gestürmt, Arbeiter bedroht und Anlagen beschädigt haben. Ein Bauleiter berichtete sogar von einem manipulierten Kran.
Die Unia weist sämtliche Gewaltvorwürfe zurück. Sie spricht von friedlichen Aktionen und wirft dem Baumeisterverband vor, Arbeiter am Protest gehindert oder sogar eingeschlossen zu haben. Die Gewerkschaft appellierte an die Zürcher Baumeister, das Streikrecht zu gewähren, während der Baumeisterverband vorschlug, einen Ferientag zu beziehen.
Statements zur Gewalt
- Unia: «Unsere Aktionen sind friedlich, organisiert und auf Deeskalation ausgerichtet.»
- Kranführer Mentor Jusufi: «Wenn Vermummte aufkreuzen und Bauarbeiter einschüchtern, das geht überhaupt nicht.»
Gewerkschaftssekretäre widerlegen Akademiker-Vorwurf
Ein immer wiederkehrender Vorwurf gegen die Unia ist, dass sie eine «Akademiker-Gewerkschaft» sei und den Bezug zur Baustelle verloren habe. Mehrere Gewerkschaftssekretäre widersprachen dem vehement. Florim Kadriu, 38, der seit 14 Jahren in der Schweiz lebt, arbeitete selbst viele Jahre auf Baustellen, in Druckereien und Gruben, bevor er Gewerkschaftssekretär wurde.
«Das ist komplett falsch. Ich kenne den Baustellenalltag bestens», betonte Kadriu. Er räumte ein, dass eine Gewerkschaft auch Leute mit Fachwissen brauche, aber alle wichtigen Beschlüsse würden demokratisch von den Mitgliedern und Mitarbeitenden gefasst. Christian Gjeci, 35, ein gebürtiger Albaner, der seit acht Jahren in der Schweiz lebt, arbeitete ebenfalls vier Jahre als Hilfsmaurer. Er ist seit zwei Monaten Gewerkschaftssekretär und stolz auf diese Position.
Die starke Präsenz der albanischen Community in der Baubranche zeigte sich auch an der Demonstration. Xhafer Sejdiu, Baupolier und Präsident der Unia-Baugruppe, sprach sogar auf Albanisch zu den Demonstrierenden und wurde dafür gefeiert. Dies unterstreicht die Vielfalt der Arbeitnehmerschaft im Schweizer Bauwesen und die Bedeutung des Streiks für alle Beteiligten.





