Exoskelette, körpergetragene Stützsysteme, könnten die Arbeit auf Schweizer Baustellen revolutionieren. Sie versprechen eine erhebliche Entlastung bei körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten wie Heben, Tragen und Überkopfarbeiten. Doch trotz des Potenzials stehen sie noch vor grossen Hürden bei der flächendeckenden Einführung.
Wichtige Erkenntnisse
- Exoskelette reduzieren Muskelbelastung und -ermüdung bei Bauarbeiten.
- Es gibt passive und aktive Modelle für verschiedene Anwendungen.
- In der Logistik sind Exoskelette etablierter als im Bauwesen.
- Praxistests zeigen gemischte Ergebnisse bezüglich Flexibilität und Akzeptanz.
- Langzeitfolgen und Haltbarkeit in rauen Umgebungen sind noch offene Fragen.
Künstliche Muskeln entlasten den Rücken
Stellen Sie sich vor, eine schwere Last fühlt sich plötzlich federleicht an. Genau das ermöglichen Exoskelette, indem sie wie künstliche Muskeln wirken. Der Schweizer Hersteller Auxivo bietet verschiedene Modelle an, die speziell für die Entlastung des Körpers bei anspruchsvollen Arbeiten entwickelt wurden.
Ein Beispiel ist der «Lift Suit». Dieses passive Exoskelett wiegt nur 900 Gramm und entlastet den Rücken. Beim Bücken dehnen sich elastische Bänder und speichern Energie. Beim Aufrichten wird diese Energie freigesetzt und zieht den Träger schwungvoll nach oben. Laut Herstellerangaben reduziert der «Lift Suit» die durchschnittliche Muskelbelastung um bis zu 33 Prozent und die Muskelermüdung um bis zu 44 Prozent.
Faktencheck: Auxivo Lift Suit
- Gewicht: 900 Gramm (Grösse S/M)
- Funktionsweise: Elastische Bänder speichern und geben Energie ab
- Entlastung Rückenmuskulatur: Bis zu 33%
- Reduktion Muskelermüdung: Bis zu 44%
Stefan Graf, Aussendienstmitarbeiter bei Auxivo, erklärt:
«Sobald man sich nach vorne oder nach unten beugt, steigt die Belastung für die Rücken- und Hüftmuskulatur, nur schon durch das eigene Körpergewicht. Diese Belastung reduziert das Exoskelett.»Dies ist besonders relevant für Bauarbeiter, die täglich schwere Materialien heben und in gebückter Haltung arbeiten.
Vielseitige Helfer für verschiedene Tätigkeiten
Neben dem «Lift Suit» gibt es weitere Spezialmodelle. Der «Carry Suit» beispielsweise verfügt über einen starren Metallrahmen. Er lenkt das Gewicht schwerer Gegenstände von Händen und Armen weg und verteilt es auf den gesamten Oberkörper. Karabinersysteme ermöglichen das Anhängen von Lasten, wodurch die Hände frei bleiben. Dies ist besonders nützlich, wenn man beispielsweise Türen öffnen muss, während man eine Last trägt.
Ein weiteres Modell ist der «Delta Suit», ein Schulter-Exoskelett. Er ist für Überkopfarbeiten konzipiert und soll die Ermüdung der Schultermuskulatur um bis zu 75 Prozent reduzieren. Solche Systeme könnten Maler- und Ausbaugewerke erheblich entlasten, wo stundenlanges Arbeiten über Kopf keine Seltenheit ist.
Exoskelette: Eine kurze Geschichte
Die Idee der körperlichen Unterstützung durch externe Strukturen ist nicht neu. Bereits 1890 liess der russische Erfinder Nicholas Yagn ein erstes Exoskelett-Modell patentieren, das die Laufgeschwindigkeit von Soldaten erhöhen sollte. Im 20. Jahrhundert lag der Fokus weiterhin auf militärischen Anwendungen. Erst im 21. Jahrhundert fanden Exoskelette ihren Weg in andere Bereiche, beginnend mit der Medizin. Seit 2015 werden verstärkt Modelle zur Reduktion körperlicher Belastungen in der Industrie entwickelt.
Auxivo ist der einzige Schweizer Hersteller industrieller Exoskelette. Das 2019 als ETH-Spinoff gegründete Unternehmen wuchs von drei auf 25 Mitarbeitende. Stefan Graf betont:
«In der Schweiz sind wir führend als Hersteller und Anbieter in diesem Feld. Europaweit zählen wir zu wenigen Herstellern mit wachsender Verbreitung in Logistik, Industrie und Bau.»
Akzeptanz und Herausforderungen in der Baubranche
Trotz des klaren Nutzens sind Exoskelette auf Schweizer Baustellen noch nicht weit verbreitet. Im Logistikbereich haben sie sich bereits etabliert, doch im Bauwesen zeigt sich ein zögerlicheres Bild. Das Interesse wächst zwar, besonders bei Maler- und Ausbaugewerken, doch im klassischen Hoch- und Tiefbau dominiert weiterhin der Einsatz von Maschinen.
Das Bauunternehmen Implenia testete bereits 2019 zwei Exoskelette auf einer Basler Baustelle. Die Ergebnisse waren gemischt. Matthias Dalchow, Global Head Project Excellence Services der Division Buildings von Implenia, fasst zusammen:
«Generell hat der Pilot gezeigt, dass vor allem die Flexibilität und die Rüstzeiten kritische Punkte sind.»Einige Mitarbeiter empfanden das Tragen als unnatürlich und ungewohnt, was bei körperlich intensiven Tätigkeiten problematisch sein kann. Auch die Aktivierung anderer Muskelgruppen durch Negativ-Bewegungen wurde als störend wahrgenommen.
Implenia-Test: Wichtige Erkenntnisse
- Hilfreich bei: Armwinkel über 60 Grad (Überkopfarbeiten)
- Kritische Punkte: Flexibilität, Rüstzeiten
- Störend: Unnatürliche Bewegungen, Aktivierung anderer Muskelgruppen
- Empfehlung: Kein Standardeinsatz, aber je nach Belastungsanalyse möglich
Implenia spricht daher keine generelle Empfehlung für Exoskelette aus. Baustellenteams können sie jedoch je nach Gefährdungs- und Belastungsanalyse beschaffen.
Sicherheit, Wartung und politische Unterstützung
Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) sieht Exoskelette als ergänzendes Hilfsmittel zur Prävention, jedoch nicht als Standard. Christian Müller, Teamleiter Ergonomie der Suva, erklärt:
«Exoskelette sind nur in spezifischen Situationen sinnvoll, wenn andere Massnahmen bereits ausgeschöpft sind.»Er nennt als potenzielle Einsatzfelder längere Überkopfarbeiten wie Bohren oder Plattenmontage sowie Hebe- und Halteaufgaben.
Allerdings bringen Exoskelette auch neue Herausforderungen mit sich: Sicherheitsrisiken durch Anstossen oder Fehlfunktionen, Einschränkungen im Tragekomfort wie starkes Schwitzen und offene Fragen zu Langzeitfolgen und Haltbarkeit im rauen Bauumfeld. Auch der Einführungsaufwand und die Notwendigkeit individueller Betreuung der Mitarbeitenden sind zu berücksichtigen.
In Deutschland hat die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) im September 2025 eine Arbeitsschutzprämie von 1500 Euro für Baufirmen eingeführt, die Exoskelette zwei Wochen lang testen. Die Suva in der Schweiz bietet keine solche finanzielle Förderung an, unterstützt aber mit Expertise.
Das Material der Exoskelette ist robust. Stefan Graf von Auxivo versichert:
«Unsere Exoskelette bestehen aus widerstandsfähigen Textilien und korrosionsfreien Komponenten. Sie sind unempfindlich gegenüber Staub, Schweiss und normaler Feuchtigkeit.»Die textilen Teile lassen sich sogar in der Waschmaschine waschen, was die Wartung vereinfacht.
Zukunftsperspektiven und demografischer Wandel
Obwohl die Verbreitung von Exoskeletten im Bauwesen in der Schweiz noch gering ist, sehen viele Akteure grosses Potenzial. Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) begrüsst technologische Entwicklungen im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.
Auch die Liechtensteiner Hilti Group, die 2020 in den Exoskelett-Markt einstieg, glaubt fest an die Zukunft dieser Technologie. Gabriel Magnus, Produktmanager Zentraleuropa bei Hilti, räumt ein:
«Das Tragen eines Exoskeletts erfordert eine gewisse Umgewöhnung. Und alte Gewohnheiten zu ändern, erfordert oft Zeit und Geduld, daher sind die Ergebnisse insgesamt hinter unseren Erwartungen.»Er fügt jedoch hinzu:
«Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und des demographischen Wandels sehen wir ganz klar den Bedarf, Arbeiten auf dem Bau angenehmer und attraktiver zu gestalten.»
Angesichts einer immer älter werdenden Belegschaft und dem anhaltenden Fachkräftemangel könnten Exoskelette einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsprävention leisten und den Bauberuf attraktiver machen. Die Technologie ist vorhanden, die Herausforderung liegt nun in der praktischen Integration und der Überwindung anfänglicher Vorbehalte.





