Luwam Tekle kam als unbegleitete Minderjährige in die Schweiz. Heute, mit 29 Jahren, ist sie eine erfolgreiche Restaurationsfachfrau und bildet im neuen Hotel Mama Shelter in Zürich Oerlikon selbst Lernende aus. Ihre Geschichte zeigt, wie mit gezielter Unterstützung und persönlichem Engagement eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt gelingen kann.
Wichtige Erkenntnisse
- Luwam Tekle, ursprünglich aus Eritrea, ist heute Schichtleiterin und Ausbildnerin.
- Ihre Integration gelang dank der Asyl-Organisation Zürich (AOZ) und einer begleiteten Lehre im Restaurant Riedbach.
- Christine Fitzinger, ihre ehemalige Ausbildnerin, spielte eine zentrale Rolle in Tekles beruflicher Entwicklung.
- Das Modell der begleiteten Lehre im Riedbach ist langfristig kostengünstiger für die Gesellschaft.
- Die Gastronomiebranche bietet Geflüchteten gute Chancen zur Integration und zur Abfederung des Fachkräftemangels.
Ein steiniger Weg in die Schweiz
Luwam Tekle verliess Eritrea im Jahr 2010. Sie war damals erst 14 Jahre alt. Ihre Flucht führte sie über den Sudan und Italien, bis sie schliesslich als unbegleitete Minderjährige in der Schweiz ankam. Hier fand sie im MNA-Zentrum Lilienberg in Affoltern a. A., das von der AOZ geführt wird, eine erste Anlaufstelle. Die AOZ betreut im Auftrag des Kantons Zürich minderjährige Geflüchtete.
Die Erinnerungen an die Flucht sind vage. Tekle erzählt, dass nach einem so schweren Weg in einem fremden Land keine Zeit blieb, Vergangenes zu verarbeiten. Der Fokus lag auf dem Neuanfang. Sie nahm am Jugendförderprogramm der AOZ teil und lernte Deutsch. Danach absolvierte sie das zehnte Schuljahr.
Faktencheck: AOZ
Die Asyl-Organisation Zürich (AOZ) betreibt im Auftrag des Kantons Zürich Zentren, in denen minderjährige Geflüchtete leben und betreut werden. Sie bietet umfassende Unterstützung bei der Integration, einschliesslich Sprachkursen und Berufsvorbereitung.
Herausforderungen in der Berufsbildung
Tekles erster Versuch, eine Lehre zu absolvieren, war schwierig. Sie begann eine Kochlehre, dann eine Servicelehre, scheiterte aber zweimal. Es fehlte an umfassender Unterstützung für die Berufsschule. "Flüchtlingen fehlt die Schweizer Allgemeinbildung, man fällt zurück und verliert die Freude", erklärt sie rückblickend.
Ein Wendepunkt kam, als sie den Gastrokurs bei Gastro Kanton Zürich besuchte. Über das Förderprogramm Tasteria der AOZ fand sie 2016 ins Restaurant Riedbach. Dort begann sie unter der Leitung von Christine Fitzinger ihre Lehre als Restaurationsfachfrau EFZ.
"Die Tekle von damals? Sie hat alles besser gewusst!"
Christine Fitzinger über Luwam Tekle zu Beginn ihrer Lehre
Das Restaurant Riedbach: Eine Chance für Jugendliche
Das Restaurant Riedbach ist ein spezialisierter Ausbildungsbetrieb. Seit 2015 haben dort rund 60 Lernende einen EFZ- oder EBA-Abschluss in Service und Küche erworben. Aktuell bildet das Riedbach zehn Lernende aus verschiedenen Nationen aus, darunter viele Afghanen, aber auch Schweizer oder Deutsche mit schwieriger Jugend.
Christine Fitzinger, die Betriebsleiterin und Erwachsenenausbildnerin, beschreibt das Konzept: "Wir bieten Jugendlichen, die es allein nicht schaffen, eine begleitete Lehre an." Sie erinnert sich an Luwam Tekle als eine sehr unzuverlässige Lernende am Anfang. Tekle konnte sich aber dank ihrer guten Deutschkenntnisse klar ausdrücken, wenn ihr etwas nicht passte.
Begleitete Lehre
Die begleitete Lehre im Riedbach kostet 5050 Franken pro Monat. Diese Kosten, inklusive Lehrlingslohn, werden von der Wohngemeinde des Lernenden getragen. In bestimmten Fällen können Stipendien beantragt werden. Dieses Modell ist langfristig wirtschaftlich, da Menschen mit Lehrabschluss seltener auf Sozialhilfe angewiesen sind.
Geduld und Vertrauen als Schlüssel zum Erfolg
Fitzinger, die früher in der Luxusgastronomie tätig war, musste ihre Herangehensweise an die Ausbildung anpassen. "Ich habe aber immer bemängelt, dass man kaum Zeit hat, die Jugend auszubilden", sagt sie. Im Riedbach fand sie die Möglichkeit, dies zu ändern. Sie verfolgte einen Ansatz, der auf Geduld und dem Aufbau von Vertrauen basierte.
Während der Ausbildung im Riedbach wurde auf ein formelles "Sie" gesetzt, um Respekt zu wahren. Fitzinger setzte auf ihr Fachwissen, um Autorität zu schaffen. "Sie wissen, dass ich mich zu 1000 Prozent für sie einsetze, aber sie müssen auch etwas geben", erklärt sie. Die Berufsschule stellte eine grosse Hürde dar, doch das Riedbach fing die Lernenden dank des ausgebildeten Berufsschullehrers Martin Lange auf. Er unterrichtete Allgemeinbildung, von Schweizer Politik bis zu Steuern und Verträgen.
Wichtige Zahlen
- Rund 60 Lernende haben seit 2015 im Restaurant Riedbach einen Abschluss gemacht.
- Aktuell werden zehn Lernende dort ausgebildet.
- Luwam Tekle schloss ihre Lehre 2020 als Zweitbeste des Kantons ab.
Integration braucht Zeit und Unterstützung
Luwam Tekle brauchte Zeit, um Vertrauen zu fassen. Fitzinger erinnert sich, dass Tekle irgendwann merkte, dass die Ratschläge ihrer Ausbildnerin hilfreich waren. Beharrlichkeit war entscheidend. "Am Anfang scheinen drei Jahre unendlich lang, aber ich fühlte mich im Riedbach zu Hause!", sagt Tekle.
Auch praktische Herausforderungen gab es, etwa die Ähnlichkeit von "Schorle" und "Schale" oder das Konzept eines "Coci" für Menschen mit Migrationshintergrund. Tekle hatte anfangs Schwierigkeiten im Umgang mit Geld. "Erst am Ende der Lehre, als ich Mutter einer Tochter wurde, machte es Klick, da musste ich erwachsen werden", erzählt sie.
Der Abschluss der Lehre 2020 war ein grosser Erfolg. Luwam Tekle war die Zweitbeste des Kantons. Für Christine Fitzinger sind bestandene Abschlussprüfungen die schönsten Momente: "Sie kommen als Kinder und gehen als Erwachsene."
Erfolg im Berufsleben und als Ausbildnerin
Luwam Tekle hat es geschafft. Sie hat eine Aufenthaltsbewilligung B und lebt selbstständig. Heute ist sie Schichtleiterin Frühdienst und Ausbildnerin im neu eröffneten Hotel Mama Shelter in Zürich Oerlikon. Sie hat zusätzlich die Ausbildung zur Berufsbildnerin abgeschlossen.
Tekle holt sich bis heute gerne Rat bei Christine Fitzinger. Sie versucht, ihren eigenen Lernenden dieselbe Unterstützung und dasselbe Vertrauen entgegenzubringen, das sie selbst erfahren hat. "So fühlen sie sich aufgehoben und brechen die Lehre nicht ab", weiss sie aus eigener Erfahrung.
Gastronomie und Integration
Die Gastronomiebranche ist prädestiniert für die Integration von Geflüchteten. Es gibt einen Fachkräftemangel, und viele junge Menschen mit Migrationshintergrund sind es gewohnt, in Grossfamilien oder Kulturen zu dienen. Dies erleichtert den Einstieg. Zudem kann eine geregelte Arbeit den Aufenthaltsstatus positiv beeinflussen.
Die Zukunftspläne einer engagierten Frau
Das Restaurant Riedbach ist ein selbsttragender Betrieb, der auch Catering anbietet und Mittagessen an das Züriwerk-Atelier und ab Januar an eine Schule liefert. Dies sichert die wirtschaftliche Basis und Beschäftigung für die Lernenden. Mittags ist das Restaurant stets voll, abends zu 30 Prozent ausgelastet. Gemäss Bildungsplan wird klassische Schweizer Küche mit internationalen Einflüssen der Lernenden angeboten.
Tekle hat trotz ihrer Erfolge weitere Pläne. Sie würde gerne die BMS machen, was als Alleinerziehende jedoch schwierig ist. Sie überlegt, das G1 und G2 zu absolvieren, um später in die Geschäftsführung oder ins HR einzusteigen. Ihr Ziel ist es, weiterhin unter Menschen zu sein, denn: "Die Gastronomie ist einfach meine Passion!"
Integration braucht Zeit und vielfältige Unterstützung. Luwam Tekles Geschichte ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie aus einem schwierigen Start ein erfolgreiches und erfülltes Leben in der Schweiz werden kann.





