Schweizer Cafés sehen sich zunehmend mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: Gäste, die stundenlang an ihren Laptops arbeiten, aber nur wenig konsumieren. Dieser Trend, verstärkt durch die Beliebtheit des Homeoffice, zwingt viele Betreiber dazu, neue Regeln einzuführen, um sowohl die Atmosphäre als auch den Umsatz zu schützen.
Wichtige Erkenntnisse
- Viele Schweizer Cafés verbieten oder beschränken Laptop-Arbeit, besonders zu Stosszeiten.
- Der Umsatz pro Gast sinkt, wenn Kunden lange bleiben und wenig bestellen.
- Homeoffice-Trend verstärkt das Problem, da Cafés als alternative Arbeitsplätze genutzt werden.
- Einige Betriebe sehen darin eine Chance und bieten separate Arbeitsbereiche an.
- Das Konzept des 'dritten Ortes' von Starbucks wird neu bewertet.
Laptop-Verbot im Kaffeekranz Luzern
Im Herzen von Luzern hat das Café Kaffeekranz kürzlich neue Regeln für seine Gäste eingeführt. Der Betreiber, stolz auf den Kaffee aus der eigenen Rösterei, sah sich gezwungen zu handeln. Zu viele Kunden nutzten das Lokal als mobiles Büro. Dies führte zu einer Überlastung der Plätze, während der Konsum oft minimal blieb.
Die neuen Bestimmungen sind klar: Arbeiten am Laptop ist nur erlaubt, wenn genügend freie Plätze vorhanden sind. Meetings sind generell untersagt, ebenso wie mobiles Arbeiten an Wochenenden. Diese Massnahmen sollen den ursprünglichen Charakter des Cafés als Ort der Begegnung und des Genusses bewahren.
Interessanter Fakt
Bereits 2018 führte das Basler «Unternehmen Mitte» laptopfreie Zonen ein. Dies zeigt, dass das Problem der Laptop-Gäste nicht neu ist, sich aber durch den Homeoffice-Boom verschärft hat.
Umsatzdruck als Hauptmotiv
Hinter den strengeren Regeln steckt oft nicht nur der Wunsch, die Atmosphäre zu schützen. Auch wirtschaftliche Aspekte spielen eine entscheidende Rolle. Viele Cafés sind auf eine hohe Fluktuation und einen entsprechenden Umsatz pro Tisch angewiesen. Laptop-Arbeiter, die über Stunden hinweg nur einen Espresso bestellen, belasten die Rentabilität. Der Betreiber des «Café des Amis» in Zürich plant beispielsweise ein Laptopverbot zwischen 11 und 14 Uhr, nach 18 Uhr und an Wochenenden.
„Wir sind ein kleines Café und auf den Umsatz angewiesen“, erklärt der Betreiber. „Es gibt Leute, die über Mittag einen Vierertisch mit Bürosachen besetzen. So würden dem Café 70 Franken entgehen.“
Ähnliche Erfahrungen macht man im «Kafi Freud» in Zürich, das ein Laptopverbot an Wochenenden und freitags verhängt hat. Für ein kleines Nachbarschaftscafé sei die Laptop-Kundschaft «wirtschaftlich bedrohlich», da sie lange bliebe, wenig konsumiere und die Fluktuation bremse.
Nicht alle sehen das Problem gleich
Hans-Petter Oettli, der Präsident des Verbands Cafetiersuisse, differenziert bei dieser Thematik. In bedienten Lokalen sei oft eine Steigerung des Umsatzes feststellbar, da das Personal aktiv nach weiteren Wünschen fragen kann. Bei Selbstbedienungskonzepten hingegen sinke der Umsatz pro Gast tendenziell, wenn Gäste lange verweilen.
Die Situation variiert stark je nach Standort und Geschäftskonzept. Einige Betriebe stellen bewusst Steckdosen und WLAN zur Verfügung, um mobile Arbeiter anzulocken. Es gibt auch vermehrt Cafés, die neben dem Gastraum separate Arbeitsbereiche oder sogar Sitzungszimmer anbieten. Diese Betriebe integrieren das mobile Arbeiten aktiv in ihr Geschäftsmodell.
Hintergrund: Der «dritte Ort»
Das Konzept des «dritten Ortes» – ein Raum zwischen Zuhause und Arbeitsplatz – wurde massgeblich von Starbucks geprägt. Gemütliche Einrichtung und kostenloses WLAN sollten Gäste zum langen Verweilen anregen. Lange Zeit war dieses Modell erfolgreich und führte zu hohen Umsätzen. Starbucks-Gäste bestellten oft mehr und blieben dem Unternehmen treu.
Starbucks und die Neuorientierung
Auch Starbucks musste seine Strategie anpassen. Nach einer Phase, in der das Unternehmen sich stärker auf Lieferungen und mobile Bestellungen konzentrierte, sank die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste. Die Umsätze gingen ab 2023 sieben Quartale in Folge zurück, auch beeinflusst durch den Rückgang der Frequenzen in Innenstädten aufgrund des Homeoffice-Booms.
Der neue Starbucks-Chef Brian Niccol verordnete dem Konzern vor über einem Jahr eine Rückkehr zu den Wurzeln als «dritter Ort». Im dritten Quartal dieses Jahres stieg der Umsatz erstmals wieder, wenn auch nur schwach. Dies zeigt, dass Cafés, die bewusst mobile Arbeiter ansprechen, erfolgreich sein können, wenn sie sich entsprechend positionieren.
Winterthur: Laptopverbot in einem Familien-Café
Auch in Winterthur musste eine Café-Inhaberin vor wenigen Wochen ein Laptopverbot einführen. Ursprünglich waren es nur wenige Eltern, die gelegentlich E-Mails beantworteten, während ihre Kinder spielten. Doch die Situation änderte sich drastisch. «Anfangs waren es nur wenige Eltern, die ab und zu ein Mail beantworteten, während ihre Kinder spielten», sagt sie. «Aber dann gab es plötzlich Tage, da war die Hälfte aller Tische fünf Stunden lang mit Laptops besetzt.»
Diese Entwicklung führte zu einer Veränderung der Atmosphäre. Kinder weinten und stritten, während die Eltern mit Headsets vor ihren Laptops saßen. Das Verbot soll nun den ursprünglichen Charakter des Lokals als familienfreundlicher Treffpunkt wiederherstellen. Es ist ein klares Zeichen, dass nicht jedes Café ein Co-Working-Space sein möchte.
Statistik zum Homeoffice
Die Beliebtheit des Homeoffice hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Immer mehr Menschen haben die Freiheit, ihren Arbeitsort flexibel zu wählen, was Cafés zu einer attraktiven Alternative zu Büro oder Zuhause macht.
Balanceakt zwischen Gastfreundschaft und Geschäft
Für viele Cafés ist es ein Balanceakt, Gastfreundschaft zu bieten und gleichzeitig wirtschaftlich zu bleiben. Ein Quartiercafé, das ein Ort der Begegnung sein will, braucht manchmal klare Einschränkungen. Die Betreiber des Luzerner Kaffeekranz bringen es auf den Punkt: «Unser Café ist in erster Linie ein Ort zum Kaffee trinken, entspannen und begegnen und kein Co-Working-Space.»
Die Debatte zeigt, dass Gastronomen innovative Lösungen finden müssen, um den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Kundschaft gerecht zu werden, ohne dabei ihre Identität oder Rentabilität zu verlieren. Die Zukunft der Cafékultur in der Schweiz könnte eine stärkere Segmentierung der Angebote mit sich bringen, um sowohl Laptop-Arbeitern als auch traditionellen Café-Besuchern gerecht zu werden.





